Harald Martenstein : Reich-Ranicki: Der Partyschreck

Was heißt hier Unterhaltung? Harald Martenstein über Marcel Reich-Ranickis Attacke gegen den Blödsinn.

Harald Martenstein
Marcel Reich-Ranicki
Marcel Reich-Ranicki.Foto: dpa

Am Sonntag hat der bekannteste deutsche Literaturkritiker, der 88-jährige Marcel Reich-Ranicki, bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises für einen so genannten Eklat gesorgt. Nachdem er der Verleihungszeremonie zweieinhalb Stunden lang zugesehen hatte, lehnte Reich-Ranicki es ab, in diesem Rahmen für sein Lebenswerk geehrt zu werden. Er begann seine Ansprache in höflichem Ton. Dann nannte er die Veranstaltung „widerwärtig“ und „Blödsinn“. Überhaupt, das Fernsehen sei schlecht. Der alte Mann brachte einen Mut auf, den nicht viele besitzen. Wer schafft es, hunderten von Leuten geradeaus ins Gesicht zu sagen, dass man für dumm hält, was sie gerade stundenlang bejubelt haben?

Während Reich-Ranicki redete, zeigten die Kameras Gesichter aus der Zuschauermenge, Ferres- und Kernergesichter. Das Dauergrinsen, das sie an diesem Abend trugen, ging nicht ab. Sie lächelten weiter. Anders können sie offenbar gar nicht. Dann kam Moderator Thomas Gottschalk, versöhnte den Alten, bot ihm eine Sondersendung an, in der er am Freitag (22:30 Uhr) mit ihm, Gottschalk, über Kultur und Qualität reden darf, was voraussichtlich folgenlos bleiben wird. Die Party ging weiter. In den Nachrichten machte man mit dem Eklat Werbung für die Sendung, die vorab aufgezeichnet worden war. „Topquote“, meldete stern.de, und: „Besser konnte es für das ZDF nicht laufen.“ Das System verdaut alles.

Jede Systemkritik hat es mit dem philosophischen Grundproblem zu tun, dass es für den Kritiker keinen Beobachtungspunkt außerhalb des Systems gibt, man gehört immer dazu. Auch Marcel Reich-Ranicki ist ein Teil der Fernsehunterhaltungsmaschine. Sein eigener Ruhm zum Beispiel beruht darauf, dass er aus der spröden Literaturkritik eine Art Show gemacht hat.

Die Zeremonie des Verleihens ist das größte Problem

Der Fernsehpreis erhebt den Anspruch, die besten Fernsehmacher und die besten Sendungen auszuzeichnen. Nur: Er weiß gar nicht, was das ist. Was ist überhaupt gut? Welche Kriterien hat man? Zeichnet man den Routinier aus, der auf hohem Niveau die Erwartungen zuverlässig erfüllt, den skrupellosem Quotenbringer, der Kandidaten dem Gelächter der Nation preisgibt, den Neuerer, der Risiken eingeht und mit dem Gewohnten bricht? In der Liste der Preisempfänger kam das alles irgendwie vor. Das größte Problem bestand allerdings in der Zeremonie des Verleihens.

Die Zeremonie sollte auf keinen Fall nach „Kultur“ aussehen, nach Ernst, pathetisch gesagt, nach Wahrheit. Egal, wie ernsthaft, witzig oder engagiert die Sendungen im Einzelnen tatsächlich waren, es wurden fast immer dümmliche oder reißerische Passagen zusammengeschnitten. In Thomas Gottschalks Präsentation und in den Reden der Laudatoren verwandelten sie sich alle in harmlose Unterhaltung, in Partystimmung und Smalltalk. Selbst die „Oscar“-Zeremonie, kein Ort, an dem ästhetische Revolutionen stattfinden, wirkt intellektuell, frech und selbstkritisch, verglichen mit dem Deutschen Fernsehpreis.

Intelligenz und Kritik sind verdächtig geworden

Insofern ist der Fernsehpreis ein Spiegel der Gesellschaft. Auch wer kein Kulturkritiker ist, der reflexhaft überall Verfall wittert, spürt, dass sich in den letzten Jahren etwas verändert hat. Intelligenz und Kritik sind verdächtig geworden, fast überall in den Medien. Der Kritiker, der darauf hinweist, dass das Erfolgreiche nicht das Gute sein muss, gilt als Miesmacher. Einer, der die Geschäfte stört. Selbst ein so unterhaltsamer Kritiker wie Reich-Ranicki ist auf diese Weise zu einer Randfigur geworden, auch wenn sie ihn heuchlerisch feiern. Es ist kein Zufall, dass Reichs Nachfolgerin Elke Heidenreich nur noch lobt und niemals kritisiert. So hätten sie es gerne überall. Nicht meckern, nur feiern. Der Fernsehpreis soll den kritischen und deshalb lästigen Grimme-Preis in den Hintergrund drängen. So, wie Heidenreich Nachfolgerin Reich-Ranickis ist, wie die Filmindustrie den deutschen Filmpreis auf Mainstream zu trimmen versucht, wie die hübsche Katharina Wagner statt der intellektuellen Nike Wagner Bayreuth übernimmt, wie das Wort Bestsellerautor den Begriff Schriftsteller verdrängt, wie fast überall seit Jahren die Bilder größer werden und die Texte kleiner. Man hat das Gefühl, als solle das Publikum umerzogen werden, hin zur Anspruchslosigkeit von Maden.

Kritik und Intelligenzausübung sind das Erfolgsrezept unseres Gesellschaftsmodells. Wo es keine Kritik mehr gibt, herrschen Stagnation oder Niedergang. Kritisches Denken aber wird vielerorts ersetzt durch das Prinzip der Demokratie – man stimmt einfach ab. Ein Beispiel sind die Hitparaden der Zeitschrift „Cicero“, die sogar Philosophen dieser Methode unterwirft. Wer am häufigsten in den Medien erwähnt wird, ist angeblich der wichtigste Denker. Aber das ist Lüge. Eine Fernsehsendung, die von vielen Leuten angesehen wird, muss nicht gut sein. Ein Philosoph, der oft in der „Bild“ steht, muss nicht wichtig sein. Ein Bestseller ist nicht automatisch ein gutes Buch. Ganz im Gegenteil, es kann ein sehr schlechtes Buch sein. Erfolg und Qualität – das sind, bei Büchern, bei Sendungen, bei Musik, generell, zwei grundverschiedene Eigenschaften. Manchmal fällt beides zusammen, manchmal nicht.

Unterhaltung ist schwierig

Es wäre falsch, Kritik und Intelligenz gegen Unterhaltung auszuspielen. Im günstigsten Fall bekommt man auch hier beides zusammen. Es ist schwierig, etwas Unterhaltsames zustande zu bringen. Viele scheitern daran. Es gibt also keinen Grund, Unterhaltung für grundsätzlich seicht zu erklären. Und auch das, was die meisten von uns für große Kunst halten, ist fast immer unterhaltsam – sonst würden wir uns gar nicht erst damit befassen.

Aber Kultur kann mehr, im Fernsehen, in der Literatur, überall. Es ist möglich, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu sehen, es ist möglich, etwas zu durchschauen, es ist möglich, erschüttert, entzückt oder wütend zu sein. Kitsch schafft das nicht, Kalauer schaffen das nicht. Ein Fernsehen, das sich so präsentiert, als sei es nicht statthaft, über Kitsch und über Kalauer hinauszudenken, schafft sich als kulturelle Institution selber ab. Es wird zu einer Zeittotschlagsmaschine für die Ungebildeten, die anderen wandern ins Internet ab. Dort gibt es alles.

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