Harald Martenstein zur Berlinale 2016 : Ein guter Film hält sich zurück

Die Vierte: Harald Martenstein schreibt täglich eine Kolumne über die Berlinale. Heute geht es um Kinobesuchertypen, Pauschalurteile und Anke Engelke.

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Haltung ist auch eine Frage der Höflichkeit. Anke Engelke vor der Eröffnungsgala der Berlinale 2016.
Haltung ist auch eine Frage der Höflichkeit. Anke Engelke vor der Eröffnungsgala der Berlinale 2016.Foto: Michael Kappeler/dpa

Ich war im deutschen Wettbewerbsbeitrag „24 Wochen“, wie immer drängten kurz vor Beginn der Vorstellung noch ein paar Leute auf die letzten freien Plätze. Sie quetschten sich durch die Sitzreihen, und diejenigen, die schon saßen, mussten kurz aufstehen. Man sollte als Sichhindurchquetschender den Kurzaufstehenden seinen Oberkörper zuwenden, nicht den Rücken mit Po, so will es die Etikette.

Nicht jeder hält sich daran. Die Frau, die neben mir saß, regte sich auf und schrie einen Mann an, der sich, ihr den Rücken zeigend, an ihr vorbeidrängte: „Ich will nicht, dass Sie mir den Po zuwenden. Bei uns lernen schon die Kinder, dass man so etwas nicht tut. Die Deutschen sind unhöflich.“ Ob der Mann überhaupt Deutscher war, schien mir aus der Situation nicht hervorzugehen, er hatte bis dahin kein Wort gesagt. Ich fragte die Frau, was sie mit „bei uns“ meine. Wie heißt das Land, wo schon die Kinder perfekte Menschen sind?

Eine Beschwerde über Unhöflichkeit kann sehr unhöflich sein

Die Frau war aus Kanada. Ich sagte, dass ich Pauschalurteile nicht mag. Nicht alle Deutschen seien unhöflich, und ich sei mir sicher, dass Unhöflichkeit auch in Kanada hin und wieder vorkomme. Dazu müsse ich nicht mal hinfahren. Sie selber war ja der Beweis. Auch eine Beschwerde über Unhöflichkeit kann sehr unhöflich sein.

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Tagesspiegel-Kolumnist Harald Martenstein

Nun legte die Frau erst richtig los. Sie lebe in Dresden. Es folgte eine Beschimpfung der Dresdner, bei der mit Pauschalurteilen nicht gespart wurde. Sofort fiel mir Anke Engelke ein. Anke Engelke hat bei der Eröffnung der Berlinale gesagt: „George Clooney hat für einen Film viele Millionen investiert, um Deutschland in Nazideutschland zu verwandeln. Das hätte er billiger haben können – 180 Kilometer südlich, in Leipzig.“

Anke Engelke kann ich nicht böse sein, sie ist einfach zu oft zu gut. Aber es fällt schon auf, dass bei uns einerseits ständig vor Pauschalurteilen gewarnt wird, aber bestimmte gesellschaftliche Gruppen, etwa die Ostdeutschen, von diesem Tabu ausgenommen sind. Der Satz „Ostdeutsche sind rechtsradikal“ ist etwa ebenso intelligent wie der Satz „Muslime sind Vergewaltiger“.

Berlinale 2016 - Der Wettbewerb
24 WochenDas zweite Kind der Kabarettistin Astrid und ihres Mannes und Managers Markus wird, wie das Paar erfährt, nicht gesund zur Welt kommen. Zwischen anfänglichem Optimismus und wachsenden Sorgen erkennt Astrid, dass sie allein eine aller Leben betreffende Entscheidung treffen muss. Vor drei Jahren hatte die in Erfurt geborene Anne Zohra Berrached mit „Zwei Mütter“ ihr Debüt auf der Berlinale, mit ihrem  Abschlussfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg stellt sie nun den einzigen deutschen Beitrag im Wettbewerb. D, 102 Min., R: Anne Zohra Berrached, D: Julia Jentsch, Bjarne Mädel, Johanna Gastdorf, Maria DragusWeitere Bilder anzeigen
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02.02.2016 15:1124 WochenDas zweite Kind der Kabarettistin Astrid und ihres Mannes und Managers Markus wird, wie das Paar erfährt, nicht gesund...

Der Film „24 Wochen“ erzählt von einem weiblichen Comedystar, der ein behindertes Kind erwartet und im 7. Monat abtreibt. Dazu kann man alle möglichen Meinungen haben. Der Film ergreift keine Partei, er zeigt einfach nur. Ein guter Film ist fast immer ein Film, der sich mit Urteilen über seine Figuren zurückhält.

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