Harald Martenstein zur Berlinale 2016 : Mit Toilettenpapier unterwegs

Die Sechste: Harald Martensteins tägliche Kolumne zur Berlinale. Heute über eine Riesenpackung Toilettenpapier und biologisch abbaubare Berlinale-Besucher.

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In den Neuen Kammerspielen in Kleinmachnow sind auch die Toiletten im Berlinale-Look. Foto: Manfred Thomas
In den Neuen Kammerspielen in Kleinmachnow sind auch die Toiletten im Berlinale-Look.Foto: Manfred Thomas

Hatte ich schon erwähnt, dass die Berlinale bis in ihre letzten Verästelungen moralisch hochwertig, ökosozial engagiert, nachhaltig und bereits 65 Mal recycelt ist? Sogar die Berlinale-Besucher müssen biologisch abbaubar sein. Eines Tages ruft der Große Regisseur sein finales „Cut“. Wettbewerb, Forum und Panorama werden als Berlinale-Humus mit Allmutter Erde verschmelzen.

Die Berlinale könnte ihr Profil nur noch dadurch schärfen, dass die Besucher sich vor Beginn jeder Vorstellung im Kino an den Händen fassen und gemeinsam in einem seltenen Indianerdialekt die Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen sprechen. Die Mobilitäts-Hilfsorganisation Audi, einer der Hauptsponsoren, würde das sicher fördern, gemäß ihrer Devise „Make Speed, not War“.

Auch „Viva con Agua“ hat am Potsdamer Platz einen Bus und wirbt dort für sein Anliegen, sauberes Wasser für alle. Wenn man Glück hat, bekommt man ein Werbegeschenk, es ist eine Familienpackung Toilettenpapier. Das Papier spricht sich für eine bessere Welt aus. Ich bin zum ersten Mal auf der Berlinale mit einer Riesenpackung Toilettenpapier unterwegs gewesen. Alle, die ich getroffen habe, fragten leicht verwirrt, wieso ich auf der Berlinale mein eigenes Toilettenpapier dabeihabe. Ich sagte: „Dies ist mein Beitrag zum Kampf gegen rechts.“ Jeder versteht das.

Im Wettbewerb wurde überraschenderweise auch ein Fantasyfilm gezeigt. „Midnight Special“ liegt bei den Kritikern in der Spitzengruppe. Die außerirdische Zivilisation, um die es geht, ist natürlich lieb. Sie lieben Kinder – wir haben übrigens unser Toilettenpapier nur von unseren Kindern geborgt. Sie haben Häuser, die ein bisschen an die Architektin Zaha Hadid erinnerten, eine Frau mit Migrationsgeschichte. Ihren Strom erzeugen sie selber, das Licht kommt bio aus ihren Augen heraus. Außerdem wachsen auf den Häusern Bäume, öko sind die Außerirdischen auch. Filme mit Außerirdischen, die Häuser im Stil von Albert Speer bauen und Atomstrom produzieren, dürfen nur in der Nebensektion „Perspektive böses Kino“ gezeigt werden.

Irritierend war zunächst die Tatsache, dass in dem Film ein sympathischer Agent des US-Geheimdienstes NSA auftrat. Aber er ist natürlich zu dem außerirdischen Öko-Bio-Kind übergelaufen. Der Film hat die Vision, dass E.T. und Edward Snowden sich zusammentun, im zweiten Teil stoßen dann vielleicht noch Julian Assange, der Dalai Lama und Audi dazu.

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