Harald Martenstein zur Berlinale 2016 : Spike Lee ist kein guter Regisseur

Die Siebte: Harald Martensteins tägliche Kolumne zur Berlinale. Heute über Spike Lee, der zwar nicht der beste Künstler ist, aber ein engagiertes Sprachrohr.

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Regisseur Spike Lee bei der Berlinale.
Regisseur Spike Lee bei der Berlinale.Foto: dpa

In „Genius“ erfahren die Zuschauer, wie ein Lektor arbeitet, der es mit einem allzu selbstverliebten Autor zu tun hat, in diesem Fall Thomas Wolfe. So ein Autor beschreibt zum Beispiel, wie im Kino das Licht ausgeht.

„Es gibt tausende Arten des Flüsterns und Lachens, japanisches Flüstern, französisches und italienisches, im Berlinalepalast vereint es sich zu einem globalen Summen, einem Bienenstock, dessen Summen auf- und abschwillt wie ein Lied ohne Melodie, das aber Melodie werden will, und dieses Summen vor dem Beginn des Films ist die geheime Hymne des Weltkinos, hört, wie es an gepolsterten Wänden abgleitet, zurückgeworfen wird, bis es sich bricht an prallvollen Taschen, zerknitterten Programmheften, bekleckerten Brillen, auf schweißigen Nasen rutschend, und mit einem Mal sich beruhigt, als sei von der Hand eines Riesen über einen Vogelkäfig ein Tuch geworfen worden, und der flatternde Vogel sei erstarrt, halb in Furcht, halb in Hoffnung, denn nun gibt es im Kino nur noch Einzelne, keinen Schwarm mehr, nun gibt es nur noch das Strahlen vor uns, und es gibt nur noch eine Sprache, die Sprache dieses Films.“

Es hat was. Aber ist es gut? Der Lektor liest den Satz, schüttelt den Kopf, streicht den Satz durch und schreibt stattdessen: „Das Licht geht aus.“

Nach dem empfehlenswerten Film „Genius“ war ich in „Chi-Raq“, einem Agitprop-Musical von Spike Lee, das dringend solche harten Maßnahmen gebraucht hätte. Von den 60 Minuten, die ich gesehen habe, waren 50 überflüssige Wiederholungen. Spike Lee ist kein guter Regisseur, ausgenommen sein Film „Do the right thing“. Er hat kein Gefühl für Timing, für Zwischentöne, ist aber politisch engagiert. Wenn es mit der Kunst eines Künstlers hapert, kann dieser immer noch zum engagierten Sprachrohr für irgendwas allgemein Akzeptiertes werden, Gerechtigkeit, Frieden, Antirassismus, und sich für seine Gesinnung feiern lassen. Es ist ungerecht, dass so etwas in anderen Berufen nicht geht. Man stelle sich vor, am Berliner Flughafen hätten die Manager erklärt: „Okay, es gibt ein paar Probleme. Wir setzen halt andere Schwerpunkte, unser Flughafen ist ein Flughafen des Friedens, Rassisten kriegen hier keine Bordkarten, und aus der Entrauchungsanlage regnet es antisexistische Flugblätter.“

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