Harald Martenstein zur Berlinale 2016 : Wenn das Handy in der Vorstellung klingelt

Harald Martenstein schreibt täglich eine Kolumne über die Berlinale. Heute geht es um ein Handy. Und ein paar andere Dinge.

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Die Französische Schauspielerin Isabelle Huppert am Samstag auf der Berlinale.
Die Französische Schauspielerin Isabelle Huppert am Samstag auf der Berlinale.Foto: REUTERS

Mein Handy funktionierte seit Tagen nicht mehr, es gab keinen Laut von sich und meldete allen Anrufern „besetzt“. Auf dem Weg zum Festival dachte ich, dass ich ein zu schlechter Mensch bin für die Berlinale. In fast allen Filmen, die ich sehe, geht es um das Gute, Schöne und Wahre, um höhere Werte – es ist wie unter Kaiser Wilhelm, als es ebenfalls Aufgabe der Kunst war, den Menschen in seiner Sittlichkeit zu stärken. Ich will verstört werden im Kino, und nicht missioniert.

Ich saß neben einem Menschen, den ich kannte, aber ich wusste nicht mehr, woher. Der Film war gut. Isabelle Huppert spielte eine 60-jährige Lehrerin, die Großmutter wird, deren Mann sie verlässt und die sich halbwegs in einen ehemaligen Schüler verliebt, und so klischeehaft dieser Plot auch klingt, so wenig klischeehaft war der Film.

„Halbwegs verliebt“, allein das schon. Streckenweise war es sogar lustig. Die alte Mutter der Lehrerin ruft sie dauernd an, auch mitten in der Nacht. Ich wollte etwas aufschreiben, mit dem Leuchtkuli. Der Mann, den ich kannte, begann, halblaut mit mir zu schimpfen. Ich würde stören.

Ist Isabelle Huppert geliftet?

Ich fragte mich kurz, ob Isabelle Huppert geliftet ist und schämte mich sofort für diesen Gedanken. Sie muss geliftet sein, aber so gut? Ist das möglich? Dann dachte ich, dass der Film, wenn er in Berlin nichts gewinnt, mindestens den Hessischen Filmpreis bekommt, es stecken Fördermittel aus Hessen drin.

Was ich aufschreiben wollte, war der Name der Gegend, in der das Haus des ehemaligen Schülers lag, wunderschön, da will ich Urlaub machen. Mir fehlt wirklich der moralische Kompass.

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Dann klingelte mein Handy. Es hatte seit Tagen nicht geklingelt. Es war doch kaputt. Ich hasse Handyklingeln im Kino etwa so, wie Dieter Kosslick blutige Steaks hasst und den Kohlendioxid-Ausstoß.

Ich suchte panisch nach dem Handy, in allen Taschen, aber konnte es nicht finden, das Klingeln ging endlos weiter. Alle Leute waren sauer, völlig zu Recht. Den Rest des Films habe ich damit verbracht, in der Tasche und im Mantel nach dem Handy zu suchen, vergeblich, das störte auch wieder alle Leute, aber der Gedanke, dass es womöglich noch mal klingelt, war unerträglich.

Und, wer hatte angerufen? Meine Mutter. Genau wie die Mutter im Film! Seltsame Dinge passieren. Ich wollte im Kino verstört werden, das war die Quittung.