Harald Schmidt : Das RAF-Fever

Zurück ins Jahr ’77: Harald Schmidt lässt im Berliner Ensemble Elvis singen. Da kommen Erinnerungen an die alten, glücklichen Schlingensief-Abende in der Volksbühne auf.

Andreas Schäfer

Freitagabend, Berliner Ensemble, kurz nach acht. Hinten ein Lamettavorhang, links eine Band, deren Mitglieder weiße Glitzeranzüge tragen. Rechts, in einer Reihe gestaffelt, zwei Sänger und eine Sängerin. Rüschenhemden, Fünfziger- Jahre-Perücken, weichgespültes Grinsen. Trommelwirbel. Auftritt Harald Schmidt. Im Smoking. Er breitet zur Begrüßung die Arme aus und lächelt. Breitestes Harald-Schmidt-Lächeln, mokant, selbstironisch, dreist – und von tiefer, tiefer Genugtuung. Hö, hö, sagt dieses Lächeln. Ich, der gescheiterte Theaterschauspieler, im Berliner Ensemble! Im Hause Brechts und Claus Peymanns! Das gefällt mir, das gefällt mir wirklich sehr!

Dann beginnt das Programm – doch bevor der Pianist Murat Parlak ein paar Elvis-Akkorde in die Tasten haut, kann man beobachten, wie sich das Genugtuungslächeln von Harald Schmidts Mund löst, langsam durch den Raum nach oben schwebt und es sich unter der Decke gemütlich macht. Dort hängt es dann während der neunzig folgenden Minuten und strahlt stilles Glück aus, das ziemlich ansteckend ist. Selten hat man so vergnügt ein Theater verlassen wie nach diesem bösen Liederabend, der sich „Elvis lebt. Und Schmidt kann es beweisen“ nennt.

Wie dieser Abend funktioniert, zeigt gleich die Einführung. Schmidt erzählt „for our international guests“ in aktzentstarkem Englisch von der Geburt Elvis Presleys im Jahr 1935 – um gleich darauf ins Jahr 1977 zu springen und von sich zu berichten. Wie er als junger Schauspielstudent nach Elvis’ Tod 14 Mal einen Memorial-Liederabend im Stuttgarter Schauspiel besucht hat. Damaliger Intendant: Claus Peymann. Der – wie Schmidt aufklärt – übrigens „nicht seine Zähne, sondern nur hundert Mark für die Zahnbehandlung von Gudrun Ensslin gab“. Und während der geltungssüchtige Harald im Elvis-Liederabend saß, um die Gesten des Moderators zu studieren und sie beifallheischend (aber erfolglos) in der Hochschulkantine zu kopieren, wurde der ermordete Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer beerdigt. Von Stuttgart nach Stammheim und also zum Großthema RAF ist es nicht weit.

Schmidt kontrastiert die ironisierten Nöte eines Möchtegern mit den schwäbisch vorgetragenen Klimabeschreibungen des hysterischen Jahres 1977, streut Kommentare zum medialen RAF-Festival des vergangenen Jahres ein und verbindet alles mit eingängigen Elvis-Klassikern wie „Tutti Frutti“, „Are You Lonesome Tonight“ oder „Fever“, die das Ensemble des Stuttgarter Schauspiels emotionstriefend vorträgt, wo der Abend im letzten Jahr Premiere hatte. Zusammen ergibt das ein sarkastisches Assoziationen- und Anspielungsgewirr, eine giftig blubbernde Atmosphärensuppe, bei dem einem das Lachen im Halse stecken bleibt.

„Stefan Aust hat gesagt, um die RAF zu verstehen, muss man ,Moby Dick’ lesen.“ Und weil in der gerade in Arbeit befindlichen RAF-Verfilmung Hitler-Darsteller Bruno Ganz auch den Terroristenjäger Herold spielt, legt sich bei Harald Schmidt Andreas Baader ins Bett zu Adolf Hitler und liest ihm aus dem Melville-Roman vor, den Hitler aber nicht hören will: „Das ist mir zu brutal.“ Das Diskurskurzschlussspektakel, das sich mit gefräßiger Eleganz selbst noch die frischeste Nachricht einverleibt (eine drei Tage junge Berliner Hamlet-Inszenierung bekommt auch was ab), lässt wohlige Erinnerungen an die alten, glücklichen Schlingensief- Abende in der Volksbühne aufkommen.

Schmidt singt übrigens auch, das heißt, eigentlich trägt er vor. Aus „Dantons Tod“ von Büchner. Und Brechts „Ballade von der Hanna Cash“, einer bedingungslos liebenden Frau. Mit einem Anflug von Ernst sogar, während das Genugtuungslächeln im Schnürboden über beide Ohren wächst.

Noch einmal heute, 20 Uhr.

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