Harald Schmidts Hamlet : Der Geist aus der Jukebox

Männer in Strumpfhosen: Harald Schmidts Hamlet-Musical "Der Prinz von Dänemark" hat in Stuttgart Premiere. Der "Hofnarr unserer Zeit" gibt sich alle Mühe, die Finanzkrise da draußen vergessen zu machen.

Stefan Kister
Harald Schmidt
Vater und Hohn. Harald Schmidt spielt am Staatstheater Stuttgart unter anderem Polonius und den Geist von Hamlets Vater. -Foto: dpa

Harald Schmidt ist ein Bursche von unendlichem Humor, voll von den herrlichsten Einfällen. Wie der Narr Yorick in Shakespeares „Hamlet“. In der berühmten Friedhofsszene wird dessen Totenschädel zum Anlass für eine Meditation über die Vergänglichkeit: Was ist geblieben von seinen Schwänken, Sprüngen, seinen Liedern und Blitzen der Lustigkeit? Nichts außer dem ewigen Grinsen des Todes. Für Yoricks Schädel hält Harald Schmidt auf der Bühne des Stuttgarter Schauspielhauses seinen Kopf hin, dieser Hofnarr unserer Zeit. Und jenes Memento gilt nicht den Toten, sondern dem, was einmal bleibt von der Kunst der Unterhaltung, vulgo: des Entertainments.

Etwas ist faul im Staate Dänemark, und in Deutschland tobt eine Ekelfernsehdebatte. Shakespeare, heißt es, ist eine Alternative, die internationale Finanzkrise verdunkelt weltweit die Gemüter und in Stuttgart gibt Harald Schmidt sein Bestes, um die Stimmung mit einem Hamlet-Musical wieder aufzuhellen. Soviel zur Vorgeschichte, zu der natürlich auch der rauschende Erfolg eines Elvis-Liederabends gehört, mit dem Schmidt ebenfalls in Stuttgart in der letzten Spielzeit die Geister der RAF beschworen hat. Jetzt also der Geist von Hamlets Vater. Auf dem Spiel steht die Ehre eines betrogenen Sohnes und das ehrgeizige Unterfangen, die in sich verfeindeten Kulturen des Hohen und des Tiefen im Begriff kluger Unterhaltung miteinander auszusöhnen.

Hier der hehre bildungsbürgerliche Zitatenschatz der eingedampften Schlegelschen Übersetzung, dort die Jukebox kollektiven Ohrwurmgutes. Gewissermaßen eine Rückübersetzung: Der mordlustige Onkel Claudius, der seinen Bruder, Hamlets Vater, aus dem Weg räumt, empfindet hier mit den Rolling Stones „Sympathy for the devil“; die keuschliebende Ophelia tänzelt zunächst madonnagleich „Like a virgin“ über die Bühne und stolpert dann wie eine gefallene Tina Turner durch ihre Wahnsinnsszene; und Hamlet knüpft Sein oder Nichtsein an den U2-Hit „With or without you“. Damit hätte er in jeder Castingshow Chancen, jener Superstar zu werden, der er bei Shakespeare nicht sein darf.

Wer alle Anspielungen verstehen will, muss über eine fundierte Schlager-, Pop- und Rockbildung verfügen. Klassikerfestigkeit hilft hier nicht weiter – ein lustiger Affront elitären Dünkels. Hinzu kommen Männer in Strumpfhosen, eine Live-Band mit dem vieldeutig schönen Namen „Fort’n’Brass“, virile Knallchargen, jokose V-Effekte aus der Werkstatt des „frauenaffinen“ Brecht. Und natürlich der Meister selbst: Harald Schmidt, Spiritus rector des bunten Abends, spukt als Hamlets Vater durch die jüngere Musikgeschichte von Peter Maffay bis Ramstein, ergänzt als pedantischer Kämmerer Polonius den Text um einige aktuelle Randnotizen („nur einer nahm das Geld nicht an / das war der liebe Ackermann“), und ist der Narr, der das oberste zuunterst kehrt und es dabei doch erscheinen lässt wie in den künstlichen Paradiesen des Showbiz’. Da wabert der Theaternebel, Funkenregen sprühen, Degenklingen blitzen.

Wo Castingshow und Playmobil-Aufklärung, Volksverdummung und -beglückung Hand in Hand gehen, ist der Late-Night-King in seinem Element, mal im gespensterhaften Nachtfummel, mal mit Schnabelschuhen und Suspensorium.

Am eindrücklichsten geschieht dies in der Szene, in der der Giftmord von einer Ein-Mann-Theatertruppe nach Schmidtschen Anweisungen gerafft wird: Eine Ohropaxvergiftung als „touristenkompatibles Ranschmeißtheater“ mit sportgymnastischem Todeskampf, das Ganze zur Musik von Miss Marple. Und dann nochmal die Kurzfassung, auf dänisch. Erstaunlich, wie klein man diesen Stoff zusammenfalten kann – bis zu einem szenischen Organigramm gesangsauslösender Stichworte.

Schmidt ist ein Meister komischer Entschlackungskunst. In seinen besten Tagen hat der Entertainer das komplexe Weltgeschehen auf seine absurden Bestandteile hin transparent gemacht, was ihm immerhin den Rang des nationalen Chef-Zynikers eintrug. Auch Hamlet ist komplex. Darum muss sich hier nun niemand scheren: Mitschunkeln ersetzt die mühsame Lektüre des sperrigen Textes. Doch wer gewinnt dabei? Marcel Reich-Ranicki, der schon immer in dem britischen Dramatiker den besseren Entertainer sah und der von Schmidt an einer Stelle herbeiparodiert wird? Oder eben doch die kulturelle Fast-Food-Abteilung, die auf geschmackliche Nuancen pfeift, Hauptsache man kennt die Melodie?

Es bleibt ein Überschuss an Fragwürdigkeit, allen ironischen Immunisierungsstrategien zum Trotz – wenn sich etwa der Hamlet-Bilderbuchdarsteller Benjamin Grüter über die Peinlichkeit auslässt, mit der alte Männer im Herbst ihrer Fernsehkarriere Shakespeare-Texte daherstammeln, anstatt sie richtigen Schauspielern zu überlassen. Denn die wechselseitige Erhellung von Hoch- und Populärkultur stellt ja niemand wirklich in Frage. Niemanden stört es im Ernst, wenn Werktreue in Strumpfhosen Beine gemacht wird, wenn Pagenköpfe wie aus längst vergangenen Fernsehtheaterkolportagen zu dröhnenden E-Gitarren greifen um als Sex Pistols alles niederzukartätschen. Es fehlt die Reibungsfläche, um mehr als wohlfeile Pointen zu zünden.

Das ist der Unterschied zu Schmidts Elvis-Abend, dem allein schon durch die Klamaukisierung des RAF-Tabus eine anzügliche Schärfe zuwuchs. Hier dagegen läuft alles wie geschmiert: Für die guten alten Songs hat der Schauspieler-Regisseur Christian Brey liebevoll choreografierte Slapstick-Clips erdacht, die ein hochmotiviertes Ensemble bravourös umsetzt – der Rest ist rhythmisches Klatschen des Publikums. Alles in Butter im Staate Dänemark.

So bleibt von den reizvollen Zynismen Schmidts am Ende jener freilich bedenkenswerte: dass Quotenbringer dieser Art unter Umständen erst jene ernsteren Auseinandersetzungen mit dem Hamlet-Stoff ermöglichen, denen sich das Stuttgarter Haus in dieser Spielzeit verschrieben hat. Wenn dem so wäre, dann freilich lachte Schmidt, der Narr, zuletzt.

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