Kultur : Hare-barte Hinterm-Busch

ROLF BOYSEN

Bunter Vogel oder Streithahn? Herbert Achternbusch Auge in Auge mit einem Falkengott im Ägyptischen Museum in München.Der im Ambach am Starnberger See lebende Autor, Maler, Film- und Theaterregisseur wuchs bei seiner Großmutter im Bayrischen Wald auf und studierte Malerei bei Gerhard Wendland.Seit 1978 schrieb er über zehn Dramen und drehte rund zwei Dutzend Filme.In seinen Werken sucht er sich oft ein alter ego aus dem Tierreich.Die Fotografie "Im Anblick des Horus" entnahmen wir dem Achternbusch-Bildband von Barbara Gass, der 1998 in Heidelberg bei Wunderhorn erschienen ist.

Hatschepsut! Die Wunderbare, die Herrliche, die Königin der Könige, die auf seltsame, geheimnisvolle, geradezu osmotische Weise mit dem Mädchen verschmolz, das auf den unverfänglichen Namen "Psut" hörte! Sie ragte in den Himmel hinein, den unendlichen, von Sternen umkränzt.Seine Riesin sei sie, sagte er.Er flehte sie an um einen Traum, an dem er mitträumen könne, damit er nicht alles verwerfen müsse, was er mitgekriegt hat, damit er in Ruhe leben könne, ohne in sich zu suchen und zu suchen, was er doch nicht finden würde.Er nannte sie: das Ereignis seines Lebens - abgesehen von dem zweiten Ereignis seines Lebens, das er selber sei.Alles ereignete sich in ihm."Es ist so vieles in mir, das ich allein nicht tragen kann.Ich muß es sagen.Das ist nicht einfach, denn wer bin ich? Wer bin ich, daß ich meine Stimme erhebe in der Mitte der Zeit?"

Ja, wer ist er? Wer ist dieser komische, bunte Vogel, dieser Fürst in Lumpen und Loden, dieser zerzauste Hühnerhabicht? Da muß wohl vor langer, langer Zeit, in grauer Vorzeit wohl, ein Mann seinen Spieß in die Erde gehauen und sie zu seinem Eigentum erklärt haben.(So liest man den Vorgang der Landnahme bei Gottfried Keller.) Dort baute er sein Haus.Er war ein starker Mann und "ging sehr klug mit den Geheimnissen der Götter um, so daß er alle Probleme lösen konnte und bei einer jeden Gelegenheit einen Rat erteilen konnte".Hare-barte hieß er - die bittere Streitaxt.Sein Ruf verbreitete sich schnell, und es kamen viele Menschen zu ihm, um sich Rat zu holen.Und immer, wenn sie fragten, wo das Haus sei, zu dem sie wollten, sagte man ihnen: "Es ist das Haus dort hinter dem Busch." Das alles spielte sich hoch im Norden ab - dort, wo die Menschen nach verbreiteter Ansicht noch auf den Bäumen leben.Und sie sprachen natürlich nicht alemannisch wie bei Gottfried Keller.Sie sprachen dieses seltsame, nach Sturm und Möwenschrei klingende Idiom der Nordländer.Sie sagten: "Dat is dat Hus doar achtern Busch."

Viele, viele Jahre gingen dahin, und die späteren Geschlechter, die diesen Hergang längst vergessen hatten, nannten sich nach dem Haus: Achternbusch.Irgendwann bei der Völkerwanderung ist dann ein Zweig dieser Familie in Bayern hängengeblieben.Auch der Vorname ist geblieben.Aus hare-barte wurde ganz einfach Herbert - wie ja aus allem wohlklingenden Alten heute irgend so etwas Gequetschtes wird.

Und nun sitzt die "bittere Streitaxt" in der Mönchsstadt München im "Weißen Bräuhaus".Und alles, was sich in ihm ereignet, schreibt er hin oder er malt es keuchend und schwitzend auf Leinwand, Holz oder Papier oder er dreht einen Film mit weiß geschminktem Gesicht - Clown und Fabelwesen in einer Person.

Immer ist er auf der Suche, dieser große Erinnerungssucher.Auf der Suche nach dem Mann mit dem Spieß und auf der Suche nach Liebe.Sein Herkommen und seine Furcht, allein zu bleiben, treiben ihn um.Mit seinen langen Beinen durchmißt der Suchende die ganze Welt.Bis an die Rocky Mountains, die gleich links neben dem Platzl liegen, hat es ihn getrieben.Er zog sich die Cowboystiefel an und setzte sich einen Calabreser auf.Dort fand er seine Fanny.Sie war ein praktisches, gutes Mädchen.Alles tat sie für ihn.Das gefiel ihm.Als sie sich kennenlernten, waren sie beide erst 100 Jahre alt.Sie lebten dann noch hundert Jahre zusammen und saßen auf der Bank vor den Rocky Mountains, tranken Bier und erzählten sich aus alten Zeiten - Erinnerungssucher alle beide.

Fanny strickte ihm einen Schal, der schon um die ganze Welt ging.Aber die Stadtmauer von München umfaßte er noch nicht ganz.Und als er seine Fanny einmal genau ansah, was in den hundert Jahren höchstens zweimal vorkam, entdeckte er, daß Fanny ein Huhn war.Da nahm er ein Beil und schlug dem Huhn den Kopf ab und rannte, so schnell er konnte, davon.Er wollte wieder nach Ägypten zu Hatschepsut oder zu Psut.Aber Hatschepsut war einer Hofintrige zum Opfer gefallen.Und wie das so bei den Pharaonen zugeht, hatte sie ihr eigener Bruder erledigt.

Unser Herbert, der, im Gegensatz zu seinem Ahn Hare-barte, eher ein furchtsamer Mensch ist, wollte mit alldem nichts zu tun haben."Ab nach Tibet!" rief er.Und da er ja auch ein großer Zauberer ist, saß er im gleichen Augenblick mit untergeschlagenen Beinen sozusagen auf dem Dach der Welt.Er wollte gerade "om mani padme hum" sagen, als er die Augen aufschlug und feststellte, daß er im "Weißen Bräuhaus" auf der ihm vorbehaltenen Bank saß.Und neben ihm thronte ein wunderschönes weißes Schaf, unter dem er schon einmal gelegen und mit dem er sich gerade verlobt hatte.Trunken vor Liebe und trunken auch ein wenig vom weißen Biere, wärmte er seinen armen, verlassenen Kopf an der weichen Schafswolle.

Er schrieb nichts mehr, er malte nichts mehr, er dachte an keinen Film mehr.Er war nur noch glücklich.Und München drohte zu veröden.Aber da stürmte der Ude Christian herein, bewaffnet mit zwei frischen Weißbieren und mit einem Blick, in welchem sich das ganze Elend des Landes widerspiegelte, und beschwor ihn mit den Worten: "Wir gehen zugrunde! Einen glücklichen Hare-barte Hinter-dem-Busch können wir nicht gebrauchen.Was wir brauchen, damit die Stadt wieder blüht und gedeiht, ist ein bitterer, grantiger Herbert Achternbusch."

Rolf Boysen, Doyen des Ensembles der Münchner Kammerspiele, war zuletzt unter Achternbuschs Regie Hauptdarsteller der Uraufführung von Achternbuschs "Meiner Grabinschrift".

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