Kultur : Haring im Wirtschaftsmantel

SEBASTIAN SCHWARZENBERGER

Leerräume des Wirtschaftslebens interessierten Keith Haring bereits am Beginn seiner Karriere: Begeistert zeichnete er über fünf Jahre lang in New Yorker U-Bahnhöfen mit weißer Kreide auf tiefschwarze Plakate, die zeitweilig ungenutzte Werbeflächen überklebten.Dies tat er jedoch nicht, um seine Kenntnisse aus einem abgebrochenen Werbegrafik-Studium umzusetzen, sondern um in direkten Kontakt mit den Betrachtern zu kommen.

Wie ein posthumes Geschenk zu seinem vierzigsten Geburtstag, den er vor einem Monat gefeiert hätte, mutet es da an, daß erneut Leerräume der Wirtschaft diesen Kontakt von Harings Kunst zum Publikum ermöglichen.In provisorisch hergerichteten Räumlichkeiten der Friedrichstadtpassagen (Quartier 206) präsentiert die Berliner Galerie No.Tre eine von Klaus Littmann (Basel) erarbeitete Wanderausstellung von Harings druckgrafischem µuvre.Als wichtiges Bindeglied zwischen Ausstellung und Ladenpassage dient hier der Pop-Shop mit verschiedensten Artikeln im Haring-Look, der die Ausstellung stets begleitet.1986 in New York von Keith Haring selbst begründet, gehört er unweigerlich zu einer konsequenten Haring-Ausstellung.Mittlerweile ist allerdings nicht mehr alles, was nach Haring aussieht, tatsächlich von ihm entworfen, und so lohnt ein Blick auf Motive wie auch auf Preise, denn die zunehmende Zahl von Anbietern führt zu erheblichen Schwankungen.Ein Trost sei Zweiflern angetragen: Alle Produkte, die mit Lizenz oder direkt von einer von Keith Haring ins Leben gerufenen Stiftung hergestellt wurden, werfen auch ein Sümmchen für einen guten Zweck ab.

Und das ist die andere, weniger bekannte Seite des Keith Haring.Gewiß hat er häufig dem Markt direkt ins Auge geschaut, er hat sich aber auch gern inhaltlich engagiert, besonders für Kinder und Jugendliche, gegen die Apartheit in Südafrika und zuletzt gegen Aids, die Krankheit, die seinem Leben bereits mit 31 Jahren ein Ende setzte.

Die Ausstellung von Harings Druckgrafik umfaßt über 200 Werke, zumeist Siebdrucke und Farblithographien, und vermittelt einen guten Einblick in seine persönliche Bildwelt, die, was anhand der Wiederholungen besonders deutlich wird, einem eigenen Alphabet folgt.Das Baby im Strahlenkranz, der Hund und die Ufos scheinen fast Teile eines visuellen Esperanto.Die Figuren sind ohne Geschlecht und Alter, ohne Haut- und Haarfarbe, ohne Klassenzugehörigkeit und Sprache, ohne Raum und Geschichte.Sie sind jedem verständlich und doch unauflösbar.Gefiltert hat er diese "Icons", wie er sie nannte, aus Erfahrungen, die er gesammelt hat zwischen Jet-set und Kinderkultur, zwischen Jesus People und offen gelebter Homosexualität, zwischen Beat-Generation und Disney-Kult."Der Künstler", so Haring, "wird zu einem Gefäß und läßt die Welt durch sich hindurchströmen."

Wie die Themen, so sind auch Harings Techniken äußerst variabel.Seine Werke sollten jede Oberfläche bedecken können, ähnlich den Zeichen früherer Kulturen.So gestaltete er Körper (Grace Jones) ebenso wie Kinderschaukelstühle, Uhren, Fahrräder und sogar Särge.Oder Mauern: Keith Haring was here, konnte man 1986 in Berlin sagen.Damals hinterließ er ein über 100 Meter langes Mauerbild in der Nähe des Checkpoint Charlie - eine Menschenkette.Bereits vor dem Mauerfall war hiervon nur noch wenig erhalten.In Kürze soll seine Monumentalsluptur eines Boxers an der Neuen Potsdamer Straße plaziert werden.Derweil sei ein Blick auf die Druckgrafik empfohlen, die im übrigen unverkäuflich ist und in dieser Gesamtheit nicht einmal im Besitz der von Haring ins Leben gerufenen Stiftung existiert.

Galerie No.Tre, Friedrichstadtpassagen, Quartier 206, Friedrichstraße 71, bis 28.Juni; täglich 10-20 Uhr, Katalog 39,80 DM.

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