Kultur : Harlem-Berlin

American Academy: auf Alain Lockes Spuren

Moritz Schuller

In Oxford wollte er wie Oscar Wilde sein, in Berlin wie George Simmel, und als Alain Locke zurück nach Amerika gekommen war, wurde er eine Mischung aus beiden: schwuler Ästhet wie Wilde, Gesellschaftsingenieur wie Simmel. Mit dieser Mischung hatte er zudem sein Lebensprojekt gefunden.

Alain Locke, eine führende Figur der Harlem Renaissance, steht noch immer im Schatten von W.E.B DuBois und Martin Luther King. Aus diesem will ihn Charles Molesworth, Daimler-Chrysler-Fellow der American Academy in Berlin, mit seiner Biografie nun herausführen. Die große Leistung Lockes sei dessen Suche nach dem intellektuellen Fundament einer genuin schwarzen Identität. Ihm ging es um den „New Negro“, wie er seine Anthologie aus dem Jahre 1925 betitelte. Locke suchte nach einem identitätsstiftende Element für die Nachfahren der Sklaven. Dass er das in der afrikanischen Kunst fand, sei ohne seine Aufenthalte in Europa und Berlin nicht denkbar gewesen, sagte Molesworth in der American Academy. Hier war die Rezeption der afrikanischen Kunst sehr viel weiter fortgeschritten als in den Staaten. Nach den beiden Semestern an der Berliner Universität 1910/11 kehrte Locke bis 1935 immer wieder in die Stadt zurück. Diesen Spuren will Molesworth nun nachgehen.

Auf Spurensuche ist auch ein weiterer Fellow derzeit: Jerry Muller schreibt an einer Biographie Jacob Taubes’, der lange an der Freien Universität gelehrt hat. Jacqueline Jung, Kunsthistorikerin aus Berkeley, forscht über die Skulptur der deutschen Gotik, Claudia Koonz von der Duke University beobachtet die deutsche Kopftuchdebatte, Rosanna Warren wird einen Gedichtband vollenden, und der Kunstfellow des Frühjahrs ist Kerry Tribe. Zu Kurzbesuchen kommen neben anderen „New York Times“-Kolumnist Roger Cohen, Literaturwissenschaftlerin Helen Vendler und die Künstlerin Maya Lin. Am heutigen Donnerstag liest die Autorin und Holtzbrinck-Fellow Joyce Hackett aus ihrem Buch „Disturbance of the Inner Ear“ .

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