Kultur : Harmonie des Zufalls

Zwischen Kunst und Wissenschaft: Nora Schattauers Experimente in der Alfred Erhardt Stiftung.

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Zellgebilde. Gepresste Blasen, Fotografie, 2011 (Ausschnitt). Foto: Schattauer/VG Bildkunst
Zellgebilde. Gepresste Blasen, Fotografie, 2011 (Ausschnitt). Foto: Schattauer/VG Bildkunst

Wie die Schuppen einer Echse schieben sich die kleinen, grauen Zellen übereinander, wirken beweglich und starr, durchlässig und fest zugleich. In der feinen und präzisen Ausstellung „Optische Mitte“ zeigt die Alfred Erhardt Stiftung in Berlin den Dialog der Kölner Künstlerin Nora Schattauer mit Erhardts Fotografien aus der Serie „Das Watt“.

In den 30er Jahren fotografierte Alfred Erhardt die Atemspuren des Meeres im Sand. Die Kamera erkundet die vielfältigen Furchen, die das Salzwasser im Watt zurückgelassen hat. Sie scheinen einer Gesetzmäßigkeit zu folgen, ohne dass sich ein System feststellen lässt. Jenseits des menschlichen Einflusses existiert eine Ordnung ohne Muster.

Nora Schattauer integriert diese Absichtslosigkeit in ihre Arbeit. Sie lässt Mineralsalze auf Kieselerde wirken. Mit der Pipette tropft sie die Lösung auf das präparierte Papier. Von ihrer optischen Mitte dehnt sich die Flüssigkeit aus. Die haarfeine Membrane eines Tropfens stößt an die weiche Wand des nächsten, so dass sich im Zusammenprall neuartige Zellgebilde formen. Mal erinnern sie an Schlangenschuppen, mal an Bienenwaben, mal an die rissige Erde, die in der Dürre feine Linien bildet.

Mit Blindzeichnungen auf Kohlepapier versucht die Künstlerin darüber hinaus den Strömungsverlauf des sich zurückziehenden Meeres im Watt vor dem geistigen Auge festzuhalten. Aber willentlich lässt sich das beruhigende Ebenmaß der Natur nicht imitieren. Obwohl die Zeichnungen mit geschlossenen Augen gefertigt wurden, wirken sie zu kontrolliert angesichts der ewigen Gezeiten.

Nora Schattauer, Jahrgang 1952, lebt als Journalistin in Köln und hat 1997 ihr Studium an der Kunstakademie Münster als Meisterschülerin von Joachim Bandau abgeschlossen. Ihr eigenwilliger Weg führt sie hinein in die hauchzarten Formationen, in die winzigen Energiezentren der Existenz. Mit wissenschaftlicher Akribie lässt sie den Zufall agieren und findet im vermeintlichen Chaos einen strahlenden Gleichklang.

Für die Serie „Berliner Silber“ hat die Künstlerin Silbernitrat und Ammoniumchlorid auf Chromatografie-Papier aufgetragen und belichtet. Die Gittermuster in glänzendem Grau oder warmem Beige lassen das Papier durchsichtig erscheinen. Sie filtern die feinstoffliche Struktur des Lichtes.

Vollkommen schlüssig knüpft diese Kunst aus Silber, Salz und Schimmer an die historischen Fotoarbeiten von Alfred Erhard an. Beharrlich forscht Schattauer nach dem Kern, der die Welt in ihrem Inneren zusammenhält. Aber das Anregende dieser Ausstellung besteht darin, dass sie nicht nach Antworten sucht, sondern nach Fragen und immer neuen Rätseln.

Bis 23.12., Auguststraße 75, Di bis So 11–18 Uhr, Do bis 21 Uhr.

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