Kultur : Harmonie und Aufbegehren David Marton inszeniert Bach in Berlin

Christian Jansson
Eine starke Stimme über dem verstimmten Flügel. Jelena Kuljic. Foto: Eventpress Hoensch
Eine starke Stimme über dem verstimmten Flügel. Jelena Kuljic. Foto: Eventpress HoenschFoto: Eventpress Hoensch

Der Samstagabend in der Schaubühne am Lehniner Platz macht auf vieles Lust: noch einmal in Ruhe László Krasznahorkais Roman „Die Melancholie des Widerstands“ zu lesen, einen eigenen Klavierabend mit dem fabelhaften Pianisten Jan Czajkowski zu besuchen oder sich mit der streng geordneten Formenvielfalt von Bachs größtem Klavierzyklus zu beschäftigen. „Das wohltemperierte Klavier“, eine Koproduktion mit dem Theater MC93 Bobigny, die der Regisseur David Marton nach der Uraufführung in Frankreich nun in Berlin zeigt, konfrontiert Literatur und Musik in einer theatralischen Performance, die alle Gattungsgrenzen zu überschreiten versucht.

Bei Krasznahorkais 1989 im ungarischen Original erschienenen Roman handelt es sich um eine surrealistisch angehauchte Fantasie über Auflösung, Apokalypse und Rebellion in einer ungarischen Kleinstadt: ein in langen labyrinthischen Sätzen fortschreitendes Nachdenken über das Chaos, das an der Ordnung dieser Welt zerrt. Béla Tarr hat den Roman 2000 unter dem Titel „Die „Werckmeisterschen Harmonien“ verfilmt.

Statt seiner suggestiv langsamen Bilder gibt auf der Bühne nun Bachs Musik den Takt vor: mal in voller pianistischer Entfaltung, mal fragmentiert, zerstückelt, in wechselnder Besetzung gesungen oder mit Trompete (Paul Brody) oder Geige (Nurit Stark) arrangiert. Das Geschehen kreist um die Gestalt des ausgebrannten, einsam in seinem Haus lebenden Musiklehrers György Eszter (Ernst Stötzner). Der hat eine fixe Idee: Ihm zufolge ist die westliche Musik mit der Einführung der wohltemperierten Stimmung um 1681, die erstmals ein Spiel in allen Tonarten erlaubte, auf einen Irrweg geraten. Weil die Wohltemperierung gleichmäßig verteilte Verstimmungen erzwinge, stelle sie eine Abkehr vom antiken Ideal reiner, schwebungsloser Oktaven und Quinten dar: Alle Musik seit Bach sei entwertet – das ist Eszters Spleen.

Marton gestaltet den Abend über weite Strecken mit leicht dekonstruierten Ausschnitten aus Bachs „Wohltemperierten Klavier“, die auch mal mit Mundharmonika oder billigen MIDI-Synthesizern gespielt erklingen. Die Musiker und Schauspieler, bis auf Czajkowski Figuren des Romans zugeordnet, erläutern den Fortgang der Handlung – ein mysteriöser Zirkus mit einem toten Wal hat sich angekündigt – zum Teil abwechselnd in der ersten und der dritten Person, als würden wie in Bachs Fugen voneinander unabhängige und doch ineinander verwobene Stimmen ineinandergreifen.

In seiner Komik erinnert das manchmal an Christoph Marthalers Musiktheater, streckt sich in seiner philosophischen Düsternis aber zugleich nach etwas Tieferem. In der von Alissa Kolbusch gestalteten Intellektuellenwohnung voller Bücher gibt es starke Auftritte: Wenn Jan Czajkowski forschend an den Phrasierungen von Bachs C-Dur-Präludium ruckelt, während gleichzeitig der Teppich zurechtgerückt wird. Wenn Eszters Frau, die neue Freundin des Polizeipräsidenten (Jule Böwe), in beiläufiger Geschäftigkeit eine Trauerrede für die dicke, soeben verstorbene Frau Pflaum (Bettina Stucky) entwirft. Wenn Czajkowsi den Klang eines völlig verstimmten Flügels retten will, während sich ringsherum die Misstöne zu ohrenbetäubendem Lärm auftürmen. Oder wenn der Fürst, eine geheimnisvolle Jazzdiva (Jelena Kuljic) erhobenen Hauptes durch die in Trümmern liegende Stadt schreitet. Ein in seinen Kontrasten hart gefügter, aber ungeheuer anregender Abend. Christian Jansson

Wieder heute 20.2., 22./23.2., 16.–18.3.

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