Kultur : Harmonie wie nie

„The Sound of Silence“ und die 68er von Riga: eine romantische Zeitreise bei der Spielzeit Europa

Rüdiger Schaper

Nachher ist es wie Gehirnwäsche. Nachher hat man unzählbare Male „... and here’s to you, Mrs. Robinson“, „Hello darkness, my old friend“, „Are you going to Scarborough Fair“ und leider auch „El Condor Pasa“ gehört, in voller Länge, in kurzen Ausschnitten, laut und leise, klar und verrauscht. Ein Stück ohne Worte, ein Tanztheater mit Schauspielern – und den Songs von Simon & Garfunkel. Und ganz zum Schluss, nach drei Stunden Art Garfunkel & Paul Simon, dröhnt „Bridge Over Troubled Water“ durch das Haus der Berliner Festspiele, die Akteure tauchen abwechselnd ihre Köpfe in einen Wasserbottich – und einer bleibt drin, ertrinkt. Hat seine Nase zu tief in die Harmonien des legendären, engelsgleichen New Yorker Popduos gesteckt, dessen lyrische Melodien den Zuschauer bis weit in die Nacht hinein verfolgen.

Das Theater des Alvis Hermanis aus Riga besitzt eine seltene Qualität: Es verströmt Magie. Alltagsmagie. Und was für eine brillante Idee im Grunde: Hermanis (Jahrgang 65) und sein Ensemble erzählen von einer Zeit, als sie alle noch Kleinkinder waren. Es war die Zeit der sexuellen Befreiung, der Entdeckung, dass (westliche) Musik das Bewusstsein verändert. Sie proben Knutschen, Flaschendrehen, Gruppensex, experimentieren mit abstrusen Drogen, nähen Blümchenkleider und basteln an haarsträubenden Frisuren. So wild war der Osten auch.

So unschuldig und brav. In Hermanis’ szenischen Spielchen wohnt eine Sehnsucht nach einer ganzheitlichen Epoche, die Dinge hatten noch eine Bedeutung. Ein Buch war kostbar, ein Popsong eine Offenbarung, das Radio ein Fluchtweg, das Telefon ein Ding vom anderen Stern – und die Liebe ein seltsames Wesen, dem man den Bauch aufschneidet, um hineinschauen zu können. Man spürt so etwas wie Neid auf die Generation der Eltern. „The Sound of Silence“: Keine Doors, kein Dylan, keine Stones oder Beatles. Im Baltikum haben die Hippies, die Hermanis reinkarniert, immer nur Simon & Garfunkel gehört. Offenbar haben sie auch nichts vom Prager Frühling und vom Einmarsch des Warschauer Pakts mitbekommen, jedenfalls ist Politik kein Thema für Hermanis. Er versinkt immer tiefer im sahnesüßen Pop und stellt Filmikonen nach („Blow Up“, „Die Reifeprüfung“ mit Mrs. Robinson!). Und da wird der Abend, der in Berlin bei der Spielzeit Europa seine Uraufführung erlebt, langsam ärgerlich und schließlich kaum mehr erträglich.

Was war 68? Was war 68 in Riga? Die romantische Verklärung einer Jugend in der Sowjetunion nimmt groteske Züge an. Nachher wird geheiratet, Kinderwagen kommen auf die schäbig-museale Bühne und Babybündel, gezeugt zum „Sound of Silence“. Die Zuschauer sitzen übrigens mit auf der Bühne, hinter dem Eisernen Vorhang.

Vorstellungen noch bis 13. November

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