Kultur : Harnoncourts Neu-Interpretation in der Berliner Philharmonie

Sybill Mahlke

Vor den "ruhigen" Einsatz der Coda im Finalsatz seiner achten Symphonie hat Anton Bruckner einen Takt Pause mit Fermate gesetzt. Die berühmten Brucknerschen Generalpausen, das sprechende Pausieren aller Stimmen, wollen das Außerordentliche, die besondere Auffälligkeit, wenn man so will: tiefere Bedeutung. Die Spannung, mit der sie geladen sind, erfüllt auch den ihnen folgenden thematischen Neubeginn. Den Theatralikern unter den Dirigenten zerrinnt die Kraft solcher Stellen, weil sie sich bei jeder Gelegenheit lärmend verausgaben. Das stoppt die Neugier.

Bruckner-Interpreten wie Günter Wand, der große Unerbittliche, und Daniel Barenboim, der schwerer berechenbare Meister des unerhörten Augenblicks, bekränzen auf ihre unterschiedliche Art das plötzliche Verstummen des Klangflusses.

Zwischen dem Blick ins Weite und den Wundern des Details findet sich die vermittelnde Bruckner-Wiedergabe von Nikolaus Harnoncourt. Erstaunlich, dass der Professor für Aufführungspraxis, der von der Alten Musik kommt, auf diesem Gebiet ein hoch Gepriesener, die Pause in der Brucknerschen Symphonik eher verbindlich überspielt als beredt macht. Nach der Dritten, mit der seine Bruckner-Phase am Pult des Berliner Philharmonischen Orchesters, das ihm sehr gewogen ist, begonnen hat, geht es nun zur Monumentalarchitektur der abendfüllenden Achten. Deren Adagio nennt der Komponist einmal "den bedeutendsten Satz meines Lebens", und wie der Kopfsatz mit dem Streicherpizzikato erlischt, das findet trotz der "Familienähnlichkeit" der Bruckner-Symphonien nicht seinesgleichen. Unter den taktstocklosen Händen Harnoncourts verebbt es romantisch modelliert. Während das letzte Finale, das Bruckner komponiert hat, bei Harnoncourt eher kleinteilig marschiert, weil die inneren musikalischen Energien sich nach dem Fortissimo nicht spontan erneuern, atmen die Mittelsätze eine eigene helle Romantik. Eine Musizierseligkeit breitet sich aus, Nachlässigkeiten eingeschlossen, die zu einem apollinischen Bruckner strebt. Das Klangbild Harnoncourts meint keine starren Register, lässt den Organisten Bruckner beiseite, der Dirigent pinselt vielmehr mit Hörnern und Harfen (hervortretend) anmutig das Naturidyll des Trios aus, das mit feinem Übergang vom Scherzo erreicht wird, sehr organisch entwickelt sich der Zweivierteltakt "Langsam" aus dem Allegro. Das Fahle, Beklemmende des Kopfsatzes weicht in den Oboensoli Hansjörg Schellenbergers und der Sehnsuchtsmelodie der Streicher einer überraschenden Mahler-Nähe. Selige Inseln schimmern auf. Sie stehen dafür, dass Harnoncourts vermittelnder, konzertierender Bruckner-Stil keine Musik ohne Eigenschaften ist. Zumal wenn die philharmonischen Streicher mit beflügelter Aufmerksamkeit bei der Sache und singend beteiligt sind, was Georg Faust am ersten Cellopult garantiert.

Die ausgeklügelte Sitzordnung des Orchesters mit den rechts platzierten zweiten Violinen und den Kontrabässen links neben den Tuben trägt das aufgelichtete Klangbild. Es ist nirgends schroff, eher ein Märchen-Bruckner, der sich in der Philharmonie seinen intimen Interpretationsraum schafft. Die Bogen spannende gültige Bruckner-Interpretation wird damit noch nicht erreicht. Aber eine allseits engagierte Spielfreude.

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