Kultur : Harold Pinter: Lachen am Abgrund

Jörg von Uthmann

Er hat die klassische Karriere gemacht, vom armen Schneiderssohn aus dem Londoner East End zum Hausbesitzer am feudalen Holland Park. Harold Pinter ist nicht nur der erfolgreichste und am meisten kopierte englische Dramatiker, ihm wurde auch die Ehre zu Teil, in den Wörterbüchern mit einem Adjektiv verewigt zu werden. "Pinteresk" nennen Experten, die sich berufsmäßig mit der Literatur beschäftigen, die halb beängstigende, halb erheiternde Atmosphäre seiner Stücke. "Während sich die meisten Dramatiker bemühen", schrieb Kenneth Tynan, der Star der Londoner Theaterkritik, nach der Premiere des "Hausmeisters" (1960), "uns auf das gespannt zu machen, was als nächstes passiert, fragen wir uns bei Pinter, was jetzt passiert: Wer sind diese Leute? Wie haben sie sich getroffen und warum? Er hält uns hin, ohne uns zu langweilen - ein Kunststück, das man nicht oft zu sehen bekommt."

Mit dem "Hausmeister" schaffte der damals Dreißigjährige den Durchbruch. Seine beiden ersten Stücke, "Das Zimmer" (1957) und "Die Geburtstagsfeier" (1958), waren Reinfälle gewesen. Charakteristisch für Pinters frühe Periode ist das plötzliche Auftauchen rätselhafter Gestalten, deren banales Geschwätz so gar nicht zu ihrem bedrohlichen Verhalten passen will. Das perfekt getroffene Cockney-Vokabular entsprach dem Milieu, in dem er groß geworden war. Mit wachsendem Erfolg änderte sich nicht nur das Milieu, sondern auch Pinters Sprache - eine sehr englische Entwicklung: An die Stelle der kleinbürgerlichen Platitüden trat zunehmend ein hochstilisierter Konversationston, in dem die Pausen ebenso präzise vorgegeben waren wie in einer Partitur. "Niemandsland" (1975) spielt in der Villa eines erfolgreichen Schriftstellers. "Betrogen" (1978) schildert das eheliche und außereheliche Qui-pro-quo zwischen einer Galeristin, einem Verleger und einem Literaturagenten. Und der Schauplatz seines letzten, im Mai uraufgeführten Stücks ("Celebration") ist ein trendiges Nobelrestaurant im Londoner West End. Gleich geblieben sind dagegen die menschlichen Abgründe, die zwischen den Protagonisten gähnen.

Vor dem Austrocknen der Sprache, dem Altersstil des von ihm bewunderten Samuel Beckett, bewahrte ihn sein sicheres Gespür für Atmosphäre und sein komödiantischer Instinkt: Pinter hat das Theater - unter dem vornehmen Künstlernamen David Baron - zunächst als Schauspieler kennen gelernt und führt bis zum heutigen Tag Regie. Bei aller Nähe zum absurden Theater vergaß er nie die Spielregeln des Boulevards. Die Welt, die er uns zeigt, ist komisch und erschreckend zugleich.

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