Harold Pinter : Meisterdramaturg und politischer Mahner

London - Genau drei Tage nach seinem 75. Geburtstag hat der britische Meisterdramaturg Harold Pinter nachträglich sein wohl größtes Geschenk erhalten, den Literaturnobelpreis. Pinter verkündete zwar im Februar seinen Abschied als Autor von Theaterstücken, doch zu seinem Geburtstag am Montag präsentierte der krebskranke Schriftsteller in der BBC dann doch ein neues, musikalisches Hörspiel «Voices». Eine Arbeit, die ihn viel Energie gekostet hat: «Ich bin erschöpft, ich bin am Ende meiner Kräfte», sagte er dazu der Zeitung «The Independent».

Die Nobelpreis-Jury in Schweden würdigte ihn als Schreiber, der mit seinen Dramen den «Abgrund unter dem alltäglichen Geschwätz» freilege. In Großbritannien hingegen gilt er vor allem als «zorniger alter Mann». Diese Formulierung machte schon zu seinem 70. Geburtstag in Würdigungen die Runde - und trifft auch fünf Jahre später immer noch den Punkt.

Zwar ist es künstlerisch um Pinter stiller geworden. Doch seinen Kampfgeist hat der linksliberale Autor, Theaterregisseur und Schauspieler nicht verloren: Er attackierte immer wieder vehement die Irak-Politik von US-Präsident George W. Bush und des britischen Premiers Tony Blair, den er als «Kriegsverbrecher» bezeichnete. Seinen ganz persönlichen Kampf führt er seit drei Jahren gegen den Kehlkopfkrebs.

«Ich habe 29 Bühnenstücke geschrieben. Ich glaube, das ist doch eigentlich genug», sagte er zu seinem teilweisen Rückzug vom Schreiben. Die großen schriftstellerischen Themen seien ihm inzwischen ausgegangen. Doch kurze Sketche verfasste er auch in jüngerer Zeit.

Anlässlich der Verleihung des Wilfred-Owen-Lyrik-Preises kommentierte er 2005 die Lage im Irak und die erklärten Ziele seiner Regierung, Frieden und Demokratie zu bringen, mit den Worten: «Was wir entfesselt haben, das sind ein grausamer und hartnäckiger Widerstand, Gewalt und Chaos.»

Bei seinen Landsleuten genießt Pinter seit langem einen Ruf als engagierte Persönlichkeit. Er protestierte gegen die NATO- Bombardierung Serbiens ebenso wie für die Rechte der Kurden. Ein Liebling der Gesellschaft ist der Dauergast in Nobelrestaurants ebenfalls. Und dass, obwohl der reich gewordene Sozialist es nie allen Recht machte und oft aneckte. Aber das Publikum lacht bei Pinter, wie die Rezensenten immer wieder feststellten, am lautesten über sich selbst.

Der Autor reflektiert in seinen Bühnenwerken den Alltag, wirkliche Menschen, ihre Sprache und ihre Gefühle. So erzählte er in seinem häufig gespielten Stück «Betrayal/Betrogen» (1978) in einfachen Dialogen über eine - seine eigene längere - Eheaffäre. Kurz zuvor war seine 1956 geschlossene erste Ehe mit der Schauspielerin Vivien Merchant in die Brüche gegangen. Die Scheidung wurde 1980 offiziell.

Pinters Methode ist es, die Dialoge durch rätselhaftes Schweigen und Pausen zu unterbrechen. Auch das Verhalten der Akteure bleibt manchmal geheimnisvoll. Enge Zimmer, wenige Personen und Kurzauftritte von bedrohlichen Fremden sind weitere Stilelemente.

Am Anfang der Karriere Pinters, der als Sohn eines jüdischen Schneiders aus kleinen Verhältnissen im Londoner East End kam, stand der Einakter «Das Zimmer» (1957). Er spielt in einem ärmlichen Wohnzimmer eines Arbeiterehepaares. Vor fünf Jahren wurde «Das Zimmer» in Großbritannien zusammen mit dem Spätwerk «Celebration» gezeigt, in dem Pinter einen Hochzeitstag in einem Londoner Edellokal ebenso böse wie heiter aufspießt. Pinter selbst gehört spätestens seit seiner von Schlagzeilen begleiteten Heirat mit der Historikerin Lady Antonia Fraser 1980 zur «High Society».

Weltruhm erlangte er Anfang der 60er Jahre mit «Der Hausmeister». Es folgten rund drei Jahrzehnte, in denen der Autor sein Publikum immer wieder mit verstörenden Werken irritierte, aber zugleich für große Theaterabende sorgte. In Deutschland wurde auch seine Groteske «Moonlight» (1993) mit Erfolg inszeniert. Mehrfach klagte Pinter über Schreibblockaden. Doch er überwand sie, unter anderem mit dem Schreiben von Drehbüchern und als aktiver Schauspieler. (Von Petra Kaminsky, dpa)

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