Kultur : Harrison Birtwistle: Heiter bis wolkig

Carsten Niemann

Vielen gilt Harrison Birtwistle als der bedeutendste zeitgenössische englische Komponist. Ihn vorzustellen, hatte sich das Deutsche Symphonie Orchester Berlin unter dem engagierten und mitreißenden Dirigat von Sian Edwards im großen Sendesaal des SFB vorgenommen. Doch groß war die Menge der Interessierten nicht, und es hätte gewiss noch düsterer ausgesehen, wenn nicht einige wackere Musiklehrer mit ihren Schülern angerückt wären.

Birtwistle schätzen auch Puristen der Avantgarde. Dass er 1968 mit seiner Oper "Punch and Judy" einen Skandal erregte, adelt Sir Harrison in ihren Augen mehr als der Ritterschlag der Queen. "Kompromisslos" seien seine Werke, es gebe keine Sicherheit für den Hörer. Immerhin ist es bereits eine sehr viktorianische Vorstellung, dass der bedeutendste zeitgenössische Komponist hauptsächlich mit dem Verfassen von Opern und von Partituren für klassisches Sinfonieorchester befasst sein soll. Aber es sollte auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Birtwistles Musik äußerst anhörbar wird, wenn man nur ein bisschen Vergnügen an guter Instrumentation mitbringt.

Als gut durchhörbare Orchesterstudie erwies sich da "Chorales": dem atonalen, abwechslungsreich changierenden Orchesterklang verlieh der Gang der - zugegeben krummen - "Choral"-Melodie Kontur. Weniger überzeugend "The Cry opf Anubis": zu ungeschlacht wirkte hier der Solopart der Tuba im Gegensatz zu dem feinen Klanggeflecht des Orchesters, zu einförmig auch, um als sein Widerpart Interesse zu wecken. Alle Tugenden von Birtwistles Orchesterkunst vereinte dagegen "Exodus": Eine Fülle von gleichzeitigen und dabei völlig transparenten Klangereignissen tat sich auf, pikant gewürzt mit verquer aufreizenden Rhythmen, zusammengehalten von schön gespielten ruhigen Liegetönen: Eine schillernde Klangwolke, die sich langsam zu Materie ballte. Egal, ob das große, oder nur gut gemachte Musik ist: Solche Wolken kommen in der Natur nicht vor. Es macht Spaß, sie zu betrachten.

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