Kultur : Harry Potter antwortet Gerhard Schröder

Elite-Unis? Nein, wir brauchen bessere Schulen. Ohne sie gibt es auch keine deutschen Nobelpreisträger

Harald Martenstein

Vor ein paar Tagen war ich im Keller und fand ein paar alte Schulhefte. Sie stammen aus der Zeit, in der ich etwa ebenso alt war wie mein Sohn heute. Er geht auf eine Schule des gleichen Typs wie ich damals. Wir blätterten die Hefte gemeinsam durch. Wir staunten. Die Anforderungen waren damals anders – höher. Mein Gott, wie weit wir damals in allen Fächern schon waren.

Der Bundeskanzler und SPD-Vorsitzende hat den Begriff „Elite“ auf die Tagesordnung gesetzt. Gerhard Schröder sagt: Deutschland braucht Elite-Unis. Elite bedeutet: die Besten. Größtmögliche Leistung. Schröder tut da den dritten Schritt vor dem ersten. Bevor wir über Elite und über ein deutsches Harvard reden, sollten wir vielleicht über die Schulen sprechen und ganz allgemein über unser Verhältnis zu Lernen und Leistung. Zumal das Berliner Abgeordnetenhaus ja heute ein neues Schulgesetz beschließt.

Leistung zu verlangen, gilt bei vielen als tendenziell menschenfeindlich. Das Wort Leistungsterror geistert nach wie vor durch viele Köpfe. Lernen hat aber immer mit Leistung zu tun. Ohne Mühe lernt man nichts. Wer Mühe ablehnt, lehnt Bildung ab. Wir haben in unseren Schulen schleichend die Ansprüche gesenkt, und hatten dabei das Gefühl, etwas Gutes, Humanes zu tun. In den Betrieben wurde ja auch die 37-Stunden-Woche eingeführt, wieso sollten die armen Schüler da immer noch genauso malochen wie vor 30 Jahren? Dieser Prozess hat sich bis in die Universitäten fortgesetzt. In der „FAZ“ war dieser Tage zu lesen, wie viele Bücher man an manchen deutschen Unis gelesen haben muss, um Deutschlehrer zu werden. Es sind acht. Wenn solche Deutschlehrer dann wieder in die Schule kommen und an der Tafel stehen, hat der Kreis sich geschlossen.

Die SPD war eine führende Kraft in diesem Prozess. Sehr viele Deutsche waren der gleichen Ansicht wie sie. Aber wir haben einiges übersehen. Vor allem dies: Es kann schön sein, zu lernen, und es ist schön, etwas zu wissen. Es ist zum Beispiel wunderbar, die ersten Schritte in einer neuen Sprache zu tun. Lernen ist nicht unmenschlich, sondern im Gegenteil eine menschliche Grunderfahrung. Wer lernen darf, hat Glück. Bildung öffnet Türen zu Genüssen, die anderen versperrt bleiben – zum Beispiel zu den Künsten. Wirklich, Bildung kann Glück stiften. Aber sie kostet nun mal Mühe.

Wenn man jung ist, lernt man besonders schnell und leicht. Diese Zeit ist kostbar, man darf sie nicht verschenken. Wer die Kinder weniger lernen lässt, tut ihnen nichts Gutes. Sie sind keine armen Proletarier, die man vor Ausbeutung durch Lehrer schützen muss. Nein, Lernen ist ihr Lebenselixier.

Dabei ist manchmal ein bisschen Druck nötig. Auch das Wort „Druck“ klingt für manche Ohren menschenfeindlich. Aber ohne Druck würde zum Beispiel fast kein Kind ein Musikinstrument lernen. Die Musik würde aus unserem Leben verschwinden. Dass man sich vor Exzessen und echtem Leistungsterror hüten muss, dass man den Schülern genug Freizeit lässt und die Brachialpädagogik der Fünfzigerjahre ablehnt, versteht sich von selbst.

Manche werfen der SPD wieder einmal Verrat vor. Früher hat die SPD „Bildung für alle“ gefordert, jetzt fordert ihr Vorsitzender Elite-Unis. Verrat? Das ist nicht das Hauptproblem. Die SPD war einmal eine Partei der Theorie. Jetzt scheint sie überhaupt nicht mehr über das nachzudenken, was sie wo warum tut. Am oberen Ende der Bildungspyramide fordert sie Elite und Spitzenleistungen – und unten? Über die Grundlagen der Bildungspolitik wird immer noch zu wenig geredet. Soll es an den Schulen so weitergehen wie bisher? Staatliche Schulen, die wenig Geld bekommen, wenig Leistung fordern, wenig Selbstständigkeit besitzen und wenig Differenzierung bieten, sollen am Ende des Bildungsweges eine Elite hervorbringen? Das kann nicht funktionieren.

Brauchen wir eine Elite? Diese Frage ist eigentlich Unsinn. Wir haben längst eine. Jedes Land besitzt eine Elite. Elite – das sind einfach die Besten, besser gesagt diejenigen, die in der jeweiligen Gesellschaft für die Besten gehalten werden. Die deutsche wissenschaftliche Elite besteht aus denjenigen, die auf den für bedeutend gehaltenen Lehrstühlen sitzen, die in den wichtigen Debatten und zentralen Forschungsvorhaben den Ton angeben. Es gibt sie. Sie ist nur im internationalem Vergleich nicht gut genug.

Was meint Gerhard Schröder eigentlich, wenn er „Elite-Uni“ sagt? Etwas wie Harvard oder die französischen Grandes Écoles, Hochschulen mit Korpsgeist und Stallgeruch und einem Dauerabo auf Minister- und Bankdirektorenposten? Wahrscheinlich nicht. Das herzustellen, dauert Jahrhunderte. Und wozu? Was würde uns das nützen? Es geht um etwas anderes. Die Globalisierung trifft Deutschland zurzeit an beiden Enden der sozialen Pyramide. Viele gering Qualifizierte finden keine Arbeit mehr, weil im Ausland zu Niedriglöhnen billiger produziert werden kann. Viele hoch Qualifizierte verlassen Deutschland, weil sie im Ausland bessere Entfaltungsmöglichkeiten und schönere Gehälter vorfinden. Unsere Wirtschaft braucht dringend Spitzenwissenschaftler, und die sollen staatlicherseits mal eben schnell hergestellt werden. Am besten ein paar hundert Superingenieure und Computergenies, die mit ihren Patenten und Nobelpreisen den Amerikanern, Indern und Chinesen das Fürchten lehren und auf geheimnisvolle Weise gegen Abwerbeversuche und ausländische Mega-Gehälter immun sind. Elite-Unis sollen eine nationale Abwehrmaßnahme gegen die Globalisierung sein, ein politischer Sekundenkleber wie damals die Green Card für Inder. Hinter der Idee steckt, wenn man genau hinschaut, ein altes SPD-Konzept: Der Staat soll es richten.

Wenn „Elite-Uni“ bedeutet, dass wir versuchen, eine Handvoll potenzieller Nobelpreisträger heranzuzüchten, während der normale Deutschlehrer nur acht Bücher gelesen haben muss, dann ist es eine dumme Idee. Aber zwischen dem alten Ideal „Bildung für alle“ und dem Elite-Konzept muss kein Widerspruch bestehen. Entscheidend ist die Frage, ob der Zugang zu den Eliten offen ist. Das heißt, ob von annähernder Chancengleichheit für alle Begabten gesprochen werden kann. Um aber das zu leisten, müsste unser Bildungssystem schon früh anfangen, Begabte aufzuspüren und die sehr verschiedenen Talente gezielt zu fördern, vor allem Begabte aus so genannten „bildungsfernen“ Familien. Das System müsste differenziert und leistungsfreudig sein. Die Schulen müssten kleiner sein, kein anonymer Massenbetrieb.

Wer wirklich „Bildung für alle“ schafft, bekommt die Elite gratis dazugeliefert. Nach 30 Jahren emanzipativer Bildungspolitik liegt allerdings die Zahl der Arbeiterkinder unter den Studierenden etwa so hoch wie zuvor. Ein Offenbarungseid. Aber Selbstkritik ist von den einstigen Bildungsreformern selten zu hören. Nun also sollen dem bestehenden Bildungssystem, das wenig Chancengleichheit bringt, oben ein paar Elite-Unis aufgepfropft werden. Die Folge ist absehbar: Die Kinder der Privilegierten von heute werden die Privilegierten von morgen sein, auch wenn sie nicht wirklich die Besten sind. Die Talente der anderen bleiben weiter unentdeckt.

Es war ein Fehler, das Niveau zu senken. Wir haben nicht mehr Chancengleichheit bekommen, wir sind lediglich dümmer geworden. Wer etwas für Kinder aus unterprivilegierten Familien tun möchte, der muss Talentförderung betreiben, nicht Niveauabsenkung. Und er sollte einen Begriff von Bildung haben, der frei ist von technokratischem, kurzfristigem Denken.

Der größte Bestseller dieser Jahre, „Harry Potter“, handelt von den Freuden des Lernens. Lernen kann schön sein wie Fliegen. Was die Schule im Einzelnen lehrt, Latein oder Zaubern, ist beinahe egal – Hauptsache, sie bringt den Kindern den Wissenshunger bei. Diese Erkenntnis ist die Grundlage von allem, auch die Grundlage jeder Elite.

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