Kultur : Harry Potter: Bitte ein Beck

Die wahren Leser, jene, die man früher mal Romanenköpfe nannte, sie hassen Literaturverfilmungen. Weil Bücher, weil Romanfiguren in der geisterhaften weiten Welt der Leserfantasien nun mal größer, schöner oder schrecklicher wirken als in der konkreten, verkürzten Allzumenschlichkeit von Schauspielern, die manchmal Jahrhunderte (und nicht endensollende Lesetage und -wochen) auf zwei Kinostunden schrumpfen. Wahre Leser also hassen und verachten Literaturfilme - und rennen trotzdem immer wieder hinein. Wie wir Potterianer natürlich auch: ab heute hogwärts zu Harry, ins britische Hollywood. Daran wird uns selbst die CSU nicht hindern.

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Foto-Tour: Szenen aus dem Harry-Potter-Film Während Fundamentalisten in Bayern und Milwaukee angesichts Potterscher Zauberkraft und Hexerei schon nach dem Exorzisten rufen, müssen sich auch Literaturliebhaber eingestehen: Sie sind ebenfalls Fundamentalisten. Aber sie haben eine offene Doppelmoral. Sie lieben oft nicht nur die Literatur, sondern auch das Leben. Oder andere Künste. Zum Beispiel das Kino. Und meistens gilt die Kritik einer Literaturverfilmung nicht der Verteidigung der Literatur. Sondern verteidigt das Kino - wenn die Nach-Steller und Nachbebilderer meinen, das sei schon Film. Wenn es aber richtig Film ist, dann ist es oft ganz anders als ein Buch zuvor. Und gelegentlich sogar besser. Beispielsweise gehört Francois Truffauts "Jules et Jim" mit Jeanne Moreau und Oskar Werner längst zur Film- und Menschheitsgeschichte; dagegen kennen den zugrundeliegenden Roman von Henri-Pierre Roché (mit dem Berliner Flaneur-Schriftsteller Franz Hessel als Vorbild des Jules) zu Recht nur noch eine Schar Eingeweihter.

Beim Nachbebildern von Büchern sind sich die Leser und Cineasten meist einig: Das ist Kitsch, Kommerz oder jedenfalls keine (große) Kunst. Eine eigene Kunst aber ist: das Vorlesen. Es kommt der ursprünglichen mündlichen Erzählung nahe und kann nicht nur Kinder bezaubern. Puristen & Fundamentalisten lehnen es nur ab, wenn es vom Band kommt, aus der Kassette, als elektronische Amme fauler oder gar illiterater Eltern. Aber solche Zivilisationsmängel dürfen die Kunst des sprechenden Lesens nicht trüben.Nicht wenn wir an den Schauspieler Rufus Beck denken - der bisher "Harry Potters" Welt ganz ohne Film in einen Kosmos der Stimmen und Stimmungen verwandelt hat. Ein Tausendzüngiger, heiser, piepsig, nölend, charmierend, kölschend, sächselnd, oxfordisch: ein Zauberer. So werden seine Hörbücher für uns Buchseher auch alle Filme überleben. Im Kino aus Kopf und Kehle.

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