Kultur : Harrys Berlin Bar

Als Beobachter der Berliner Kulturszene fühlt man sich derzeit wie in einem Whiskey-Werbespot: Das Jahrtausend geht, Johnny Walker kommt.Dutzendweise, so scheint es, verlassen die altverdienten, hochverehrten directores der wichtigen Institutionen mehr oder weniger freiwillig ihre Posten, um der neuen Zeit, dem neuen Berlin Platz zu machen.Seit Freitag nachmittag steht nun auch der Nachfolger von Harry Kupfer fest: Auf seinem Chefregisseur-Sessel in der Behrenstraße wird im Herbst 2002 Andreas Homoki Platz nehmen.Nach dann 21 Dienstjahren und 33 Inszenierungen "hat sich Harry Kupfer entschieden, seinen Vertrag über den 31.7.2002 hinaus nicht fortzusetzen." So laute die offizielle Formulierung.Wer nicht zu den eingefleischten Fans von Jack Daniels Tennessee Whiskey zählt - nach dem Motto: Wir machen alles noch nach alter Väter Sitte -, wird dieser Entscheidung Respekt zollen: Spätestens seit der Regisseur parallel zu seinen regelmäßigen Arbeiten an der Komischen Oper einen großangelegten Wagner-Zyklus an der Staatsoper Unter den Linden startete, begann sich in der Stadt ein deutliches Sättigungsgefühl in Sachen Kupfer-Ästhetik auszubreiten, das bisweilen den Blick für die unbestrittenen Qualitäten des Musiktheater-Machers verstellte.

In diese Kritik stimmte jetzt auch der Musikchef der Komischen Oper, Yakov Kreizberg, ein: Auf der Jahrespressekonferenz des Opernhauses am Freitag bemängelte er, Kupfers Staatsopern-Abstecher führten dazu, daß Wagner-Werke bis auf "Rienzi" für die Komische Oper blockiert würden.Für Kreizberg ein gravierendes Problem, da auch Wagner für sein Orchester einer der stilbildenden Komponisten sein müsse - ebenso wie Strauss oder Janacek.Daß die beiden anderen Häuser glaubten, sie könnten diese Komponisten für sich reklamieren, gehe nicht an.Schließlich sei Berlin keine Stadt wie München oder Wien, wo es ein großes Opernhaus und ein Volksmusiktheater gäbe, mit klarer Aufgabenverteilung und unterschiedlichen Zielgruppen.Die Tatsache, daß in Berlin drei gleichgewichtige Häuser existierten, müsse sich in der Gleichberechtigung der Opern beim Verteilungskampf um das Kernrepertoire niederschlagen.Am liebsten aber wollen die "Großen" der Komischen Oper nur Stücke übriglassen, "die wir entweder nicht spielen wollen oder die keine Kassenfüller-Stücke sind." So jedenfalls empfindet es Kreizberg.

Es ist aus menschlicher Sicht durchaus nachvollziehbar, daß ein junger, ehrgeiziger, von Publikum und Presse gleichermaßen gefeierter Dirigent seine Bühne nicht zum "kleinen Haus" für Spieloper abgestempelt sehen möchte.Zudem haben die künstlerischen Ergebnisse, mit denen aufgrund der Bühnenproportionen und Saalgröße scheinbar übergroße Stücke wie "Rienzi" oder "Turandot" auf Komische-Oper-Format gebracht wurden, gezeigt, daß an diesem Haus im Idealfall mehr möglich ist, als viele glauben.Dennoch macht Kreizbergs emotionsgeladener Vorstoß unmißverständlich klar, wohin es den Dirigenten zieht: Er will in der Spitzengruppe der Opernliga mitspielen.Es genügt Kreizberg offensichtlich nicht, einfach nur "Berlins Musiktheater" zu leiten: ein Repertoiretheater, das Opern auf deutsch spielt und als Ensembletheater die Darstellung von Handlung in den Mittelpunkt rückt, um im Geiste seines Gründers Walter Felsenstein Oper für jeden so verständlich wie möglich zu machen.Die Berufung von Andreas Homoki zum neuen Chefregisseur dürfte Kreizberg Hoffnungen machen, seine Anliegen leichter als bislang durchsetzen zu können.

Der 37jährige Homoki gehört zur dritten Regisseurgeneration nach dem Krieg, er ist - wie Kreizberg auch - im internationalen Musikbusineß großgeworden, hat von Beginn an freischaffend gearbeitet.Auch ästhetisch geht er dezidiert andere Wege als Kupfer: Homokis großer Pluspunkt ist, daß er nach den langen Jahren der sozialkritischen Opernanalyse den Spaß wieder auf die Musiktheaterbühne zurückgeholt hat, die Lust am Rollenspiel, an der kunstvollen Verstellung.Nach zwei erfolgreichen Produktionen an der Komischen Oper will er das mit der "Lustigen Witwe" in der kommenden Saison erneut unter Beweis stellen.

Es könnte durchaus passieren, daß mancher Stammgast der Komischen Oper ab Herbst 2002 in Anlehnung an den durstigen Cowboy, der im Saloon seine Lieblingsmarke verlangt, verärgert das (Opern-)Glas mit den Worten sinken läßt: "Das ist kein Jim Beam." Wenn es dem Duo Kreizberg/Homoki gelingt, statt dessen etwas anderes als den internationalen Opernbühnen-Einheitscocktail anzubieten, könnte das der Gesundheit durchaus förderlich sein.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben