Kultur : Hart, aber herzlos

RALPH GEISENHANSLÜKE

Wie oft ist er nicht schon erfunden worden, der sogenannte "Neue Mann".In den Siebzigern steckte er in Latzhosen und erledigte verständnisvoll den Abwasch, in den Achtzigern mußte er gut riechen und italienische Anzüge tragen, in den Neunzigern schließlich wurde Männern eingeredet, sie müßten Karriere machen und ihre Körper stählen wie Leistungssportler.Diese drei skizzierten Männerklischees transportierten eigentlich nichts Neues: Männer haben von je her, Anzüge getragen, Sport getrieben oder - notfalls - das Klo geputzt.Und was den Karrierestress betrifft, sind sie schon lange wieder in den reaktionären Fünfzigern angekommen.

Trotzdem wird alle Jahre wieder ein "Neuer Mann" ausgerufen.Neu ist immer gut.Das belebt Werbung und Schlagzeilen.Doch der einzige Fortschritt in Richtung einer Gleichstellung der Geschlechter ist wohl der, daß Männer aufgrund fremdbestimmter Schönheitsideale inzwischen ebenso oft an Eßstörungen leiden wie Frauen.Egal ob Alt-Hippie, Lifestyle-Yuppie oder Davidoff-Body oder - die letzten drei Jahrzehnte bewußten Mann-Seins haben ihre Spuren hinterlassen.Wohin man sieht: Verunsicherte Softies und parfümierte Luschen.So zumindest könnte sich die Lage darstellen, wenn man sich in den Schauspieler Heino Ferch versetzt.

Ferch, Typ Landesmeister im Kunstturnen der Herren, schildert sich selbst ironisch als "sensiblen Intellektuellen".Bei seinen modernen Geschlechtsgenossen sieht er "das ewig Schüchterne und Gebeutelte" - für ihn eine Folge von Birkenstock und Jasmintee.Ferch selbst trägt Maßanzug, während er diese altbackenen Scherze aus den 80ern durchhechelt.Er redet von "authentischer Männlichkeit und sagt - als wäre es kein running gag - mit größter neudeutscher Normalität: "ein Stück weit".An Selbstvertrauen mangelt es Heino Ferch also nicht.Schließlich hat der nicht immer um feine Unterscheidungen bemühte TV-Moderator Reinhold Beckmann ihn als "Deutschlands stärksten Filmhelden" angekündigt.Da sitzt Mann gleich breiter im Talk-Show-Sessel.

Einen Wettbewerb im Bankdrücken mit Götz George oder Ralf Möller würde Ferch vielleicht nicht gewinnen, aber wie gesagt: feine Unterschiede sind nicht so wichtig.Ein Superlativ in Verbindung mit Deutschland und das dynamische "Neu" sind schließlich das Mindeste, wenn die Werbetrommel für einen Film geschlagen wird.

Ferch spielt darin einen terroristischen Einzelgänger, der die Abschaltung eines Atomkraftwerks fordert.Seine Tochter starb durch die Reaktorstrahlung an Krebs, seine Frau nahm sich aus Trauer das Leben."Straight Shooter", wie er sich nennt, erschießt jeden Tag einen politisch oder wirtschaftlich Verantwortlichen.Polizei und Nachrichtendienst sind machtlos.Es beginnt: Eine Geschichte unter Männern.Ferchs Gegenspieler Frank Hector, dargestellt von Dennis Hopper, war Ausbilder in der Fremdenlegion.Hector hat sich als Bordellbesitzer in London niedergelassen und will gerade seine Freundin zur Abtreibung zwingen, da wird er seinerseits gezwungen, gegen die Kampfmaschine vorzugehen, die er selbst ausbildete.

Regisseur Thomas Bohn, zuvor Bildreporter, Regisseur von Werbespots und "Tatort"-Folgen, war Offizier bei der Bundeswehr und gibt zu, sich am Set manchmal wie ein "Feldwebel" zu benehmen.Ein zackiger Ton bestimmt auch Dialoge und Schnitt des Films, in dem die erste Garnitur des deutschen Film- und Fernsehschauspiels (Hannelore Hoger als Ministerin, Ulrich Mühe als Staatssekretär) dekorativ umgenietet wird.Die erfolgsgewohnten Produzenten Josef Vilsmaier ("Comedian Harmonists") und Hanno Huth ("Werner") haben es krachen lassen.In ihrem "Polit-Thriller" wird mit der Panzerfaust auf Luxuslimousinen geschossen.Heino Ferch, der ein gutes Dutzend Sätze zu sprechen hat, wird mit allen Mitteln zum deutschen Bruce Willis stilisiert, was er natürlich kokett bestreitet.

"Straight Shooter", so informiert Hector militärisch knapp, war der Kampfname des verzweifelten Familienvaters."Er hat ihn gehaßt".Männer, das lernt man hier, hassen oft, was sie tun, aber sie müssen es nun mal tun.Männer müssen sich, wie Straight Shooter, beim Fitnesstraining quälen.Männer müssen sich zu Tode arbeiten, wie der Polizei-Einsatzleiter, der gleich auf seinem Schreibtisch schläft.Männer können sich keinen Verdienstausausfall leisten, leiten ihren Puff souverän per Handy.Sie neigen zu Weltverschwörungstheorien und Selbstjustiz.Sie fahren gern Porsche und BMW - zu Schrott.Und sie nutzen die erste Gelegenheit, wenn sie mit einer attraktiven Frau allein sind, wie Hector, der sich an die Oberstaatsanwältin heranmacht.Die Frauen? Wollen eigentlich nur wissen, ob der Kerl Kinder haben will.Eine schöne, einfache Männerwelt."Das Böse säuft Blut, Tränen und Pisse", erklärt Hector, warum der Hass in die Welt kommt und warum Männer ständig schießen, hauen und stechen müssen.Dabei bräuchte er nur in den Spiegel zu sehen."Entweder ist Frieden, dann gibt es keine Kadaver.Oder es ist Krieg, dann liegen sie überall herum", sagt der Ex-Legionär.Doch die erste Leiche ist der Film selbst.

Sein gesammelter Ernst, die gedrängte Dramatik, das Gerede von Männern und ihren Missionen - unterm Strich ergibt es puren neudeutschen Trash.Ein B-Film, der bei RTL gut aufgehoben wäre.Wenn ein kaltschnäuziger Zuhälter fragt: "Wollen Sie mit mir schlafen?", wenn in der Einsatzzentrale der Polizei auf Kommando alles durcheinander chargiert - dann sehnen sich Männer und Frauen gleichermaßen nach einer Werbeunterbrechung.Und als Hopper, dem es vorbehalten bleibt, den Attentäter mit einem Blattschuß final abzustrafen, schließlich den Schlüsselsatz des Films spricht - "Kolwezi ist überall" - halten sich selbst abgebrühte Kritiker den Bauch vor Lachen.Harte Schale, weicher Keks.Das Böse ist erledigt, das Blöde keineswegs.Diesen Vers kann sich der "authentische Mann" mit dem modischen Kurzhaarschnitt auf seine dicken Oberarme tätowieren lassen.

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