Kultur : Hart an der Schmerzgrenze

Christian Huther

Hohe Töne klingeln im Ohr, tiefe dröhnen durch den Körper. Die angekündigte Verschmelzung von Klang, Bild und Raum wird in der Frankfurter Schirn Kunsthalle zum körperlich spürbaren Ereignis. Die Ausstellung "Frequenzen" hat der neue Schirn-Direktor Max Hollein bewusst an den Anfang seines Programms gestellt. Hollein geht es um die "interdisziplinäre Suche nach neuen Hördimensionen", die Vermischung von bildender Kunst und Musik. Vor allem Popmusik, so seine These, wird heute mehr gesehen als gehört, dank Videoclips bei Viva und MTV. Auch wenn diese Videos nur Atmosphäre vermitteln, geht der Trend zum visualisierten Sound und zum vertonten Bild.

In einer Kunstschau kann das dem Betrachter einiges abverlangen. Ann Lislegaard etwa hat ein Mikrofon in eine Treppenstufe installiert. Verzögert kommen die Schrittgeräusche aus Lautsprechern, gerade wenn man die letzte Stufe erklommen hat. Raum, Zeit und Bewegung stehen scheinbar auf dem Kopf. Auch die Verwandlung der schmalen Schirn-Galerie in einen mäandernden Rundgang passt zur Ausstellung. Die Wände sind mit weißem Schaumstoff verkleidet, so dass man sich fast in einem Tonstudio wähnt. Dennoch wird Ryoji Ikedas fast 30 Meter langer, schmaler und dunkler Raum zu einer Tortur für die Sinne: Rote Laserstrahlen unterteilen den Fußboden alle paar Meter, so dass man unwillkürlich die Füße hebt und ins Stolpern gerät. Wohl niemand verlässt diesen Raum ohne beklemmende Gefühle. Gleich daneben ist Franz Pomassls Kabinett mit einem hochfrequenten Ton, der an der Grenze zur oberen Hörschwelle liegt. So warnen auch Schilder, dass einige Räume für das menschliche Wohlbefinden nicht ungefährlich sind. Kunstrezeption auf eigenes Risiko.

Mit diesen minimalistisch-spröden Werken fühlt man sich in die 60er Jahre zurückversetzt. Auch der Schönberg-Schüler John Cage hatte die Zuhörer in seine Stücke einbezogen. Die in Frankfurt ausstellenden Künstler könnten seine Enkel sein. Ihre "Sound Art" schmerzt zwar, schärft aber die Wahrnehmung. So bekommt man in der Schirn ein Körpergefühl für die Geräusche, die uns ständig begleiten.

Zwölf Töne malen

Arnold Schönberg empfand die Kunst als Qual oder "Notschrei" und forderte: "Nicht die Augen abwenden, um sich vor Emotionen zu behüten, sondern sie aufreißen, um anzugehen, was angegangen werden muss." Schönberg hatte weder als Musiker noch als Maler eine akademische Ausbildung. Heute ist er als Begründer der Zwölftontechnik anerkannt. Seine Malerei indes wird für dilettantisch gehalten, obgleich sie seit 20 Jahren in zahlreichen Ausstellungen zu sehen ist.

Es begann mit einer Katastrophe: Als Schönberg um 1907 erste Malversuche unternahm und sich bei dem Maler Richard Gerstl Rat holte, begann dieser ein Verhältnis mit Schönbergs Frau Mathilde. Den Musiker hat das von der Hinwendung zur Malerei nicht abgehalten. Im Frühjahr 1908 brach Schönberg mit dem tonalen System und bewegte sich bis zur Entwicklung der Zwölftonmusik 1921 im freien musikalischen Raum. Da war ihm die Malerei Hilfe zu neuem Ausdruck.

Später verlegte er sich aufs Zeichnen, wie jetzt die zweite Ausstellung in der Schirn zeigt. Vor allem aber führt sie seinen berühmten manischen Blick aufs Ich vor, seine Suche nach dem, "was hinter der Physiognomie liegt". Rund 100 Selbstbildnisse und visionäre Köpfe hängen eng zusammen, fast wie Serien. Dabei ist jedes Bild eine neue Selbsterkundung, nie eitle Selbstbespiegelung. Mit flachem Strich wird das Gesicht umfahren, nur die Kinn- und Mundpartie gestaltet. Doch aus diesen fahlen Antlitzen leuchten genau die aufgerissenen Augen, die er forderte, um Emotionen auszudrücken. Wer sich auf Schönbergs expressive Malerei einlässt, dürfte sich auch seiner noch radikaleren Musik nähern. Nur gehen seine Bilder nicht so direkt unter die Haut wie nebenan die ein Jahrhundert jüngeren "Frequenzen". Die Schirn, bisher vor allem für Klassiker gut, wagt sich unter Hollein auch auf das Terrain der Gegenwart - mit Gewinn.

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