Kultur : Hart gelandet

Frühjahrsauktionen in New York: Christie’s und Sotheby’s bescheiden sich

Matthias Thibaut

Jahrelang wurden die Auktionskataloge dicker und schicker. Vor Prestigeauktionen schickten die Auktionshäuser ihren Kunden kiloschwere Kunstbände ins Haus – wie im letzten Mai, als der Markt noch gesund war, Sotheby’s in der Abendauktion in New York 52 Lose anbot und 41 davon für 235 Millionen Dollar verkaufte; sieben sogar für über zehn Millionen. Nun verschickt Sotheby’s dünne Sparheftchen und verweist auf seinen Internetkatalog. Nach Jahren der Völlerei wird der Kunstmarkt abgespeckt. Diese Woche bot Sotheby’s 36 Lose an, von denen 29 für 61 Millionen Dollar verkauft wurden und keines die Zehn-Millionen-Dollar-Hürde schaffte. Zwei teure Werke floppten. Agenturen meldeten den „Einbruch des Kunstmarkts“.

Auch das Angebot von Christie’s war knapp: Für 38 verkaufte Werke wurden 102 Mio. Dollar erzielt. Allein das späte Picasso-Gemälde „Mousquetaire à la pipe“ erreichte 14,6 Millionen Dollar. Das farbenfrohe Bild von 1968 gehörte Presseberichten zufolge dem Schuhmode-Unternehmer Jerome Fisher, der auf der Liste der Betrugsopfer von Bernard Madoff steht. Er hatte das Bild 2004 für 7,2 Mio. Dollar ersteigert, machte also wenigstens mit Kunst einen Gewinn. Der Erfolg war sorgfältig vorbereitet. Das Bild hatte eine Preisgarantie, die allerdings nicht von Christie’s, sondern von einem ungenannten Dritten kam. Da der Preis über die Garantiesumme kletterte, kann der anonyme Garant nun seinen Anteil von der „Upside“ einstreichen. So wird mit Kunst weiter Geld verdient.

Jeder Kunstverkauf ist nun ein Vabanquespiel. In den Auktionen will niemand einen Flop riskieren. Nicht Kunstbesitzer, die fürchten, ihre Bilder durch den Renommeeschaden einer gescheiterten Auktion zu „verbrennen“. Und erst recht nicht die Auktionshäuser, die beweisen müssen, dass Kunst noch verkäuflich ist. Auch deshalb sind die Auktionskataloge so dünn. Nur Kunst mit Chancen wird noch zugelassen. Die teuren Bilder bleiben erst mal an den Wänden. Oder man kann sie in Galerien wie Simon Dickinson Ltd. in der Londoner Jermyn Street finden, wo man auf das diskrete Vermitteln von Kunst spezialisiert ist. Auf vier Etagen stapeln sich Gemälde, die Schauseite dezent der Wand zugedreht. Auch jener van Gogh, der in Maastricht für 25 Mio. Euro im Angebot war, stand letzte Woche dort. „Wir sind die eigentlichen Konkurrenten von Sotheby’s und Christie’s“, erklärt Direktor David Ker. Diskretion zählt nun mehr als Publizität. Niemand will als Verkäufer identifiziert werden, niemand soll sehen, wie viel Geld beim Wiederverkauf kaputt gemacht wird.

Dem Modeschöpfer Wolfgang Joop wird der Rummel nichts ausgemacht haben, den seine Gemälde von Tamara Lempicka bei Sotheby’s verursachten. Das Porträt der verführerisch in ein Bettlaken gehüllten Blondine Marjorie Ferry brachte mit 4,9 Mio. Dollar einen Rekordpreis, der bei Christie’s am nächsten Tag von dem „Porträt der Madame M“ mit 6,1 Mio. Dollar übertrumpft wurde. Bei Sotheby’s bezahlte der Genfer Großhändler David Nahmad für eine Landschaft von Claude Monet mit 3,5 Mio. Dollar mehr als die doppelte Schätzung. Es gibt also noch Rekorde. Sotheby’s Flops waren einfach zu teuer. Sie sollten mindestens 14 Mio. Dollar kosten, aber der Picasso hatte ein geflicktes Loch, und nur fünf von Giacomettis Skulpturen brachten in Auktionen vergleichbar viel. Sotheby’s hatte die finanzielle Potenz von Katzenliebhabern wohl überschätzt. Unterm Strich waren die Signale aber positiv, vor allem in der Christie’s-Auktion. Denn mehr als auf die Preise kommt es auf Absatz an, auf die Zahl der verkauften Lose. Sie lag in beiden Auktionen bei 80 Prozent, Sotheby’s schaffte in der Tagauktion sogar 87 Prozent – „die höchste Quote seit zehn Jahren“. Bill Ruprecht sieht als Chef von Sotheby’s damit bewiesen, dass „der Markt für große Kunst auf dem richtigen Preisniveau sehr solide ist“.

Behutsam müssen die Auktionshäuser den Kunstmarkt und sich selber wieder auf die Beine stellen. Die jüngst veröffentlichte Quartalsbilanz des Börsenunternehmens Sotheby’s zeigt, wie schwer das ist: Der Auktionsumsatz ging im ersten Quartal um 71 Prozent zurück. Sotheby’s Schulden sind so hoch, dass die Rating-Agentur Standard & Poor’s das Kreditrating des Auktionators auf Ramschstatus herabsetzte. Diesen Status hatte Sotheby’s schon 2001 einmal, als sich die Auktionshäuser in einer viel milderen Marktkrise in Kartellabsprachen flüchteten. 2002 musste Sotheby’s, um den Cashflow zu sichern, für 175 Mio. Dollar sein New Yorker Hauptquartier verkaufen. Nun hat Sotheby’s das Prestigequartier für 370 Mio. Dollar zurückgekauft – ein Zeichen, dass der Markt noch nicht ganz am Boden ist.

Ruprecht weiß, wie er aus der Krise kommt: Kürzung der Dividende, Entlassungen, rigorose Sparmaßnahmen und eine Erhöhung der Auktionsrentabilität. So versteigerte Sotheby’s diese Woche zwar nur Kunst für 84 Mio. Dollar statt für 272 Mio. Dollar wie 2008. Aber weil die Auktionshäuser nun rigoroser auf ihre Versteigerungsgebühren pochen, stieg der Profit von acht auf 13 Pozent.

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