Kultur : Hart wie Knäckebrot

KNUT EBELING

Es spielen sich zur Zeit seltsame Dinge ab in der Kunst.Von der Disziplin, von der man im Laufe der Moderne lernte, sie existiere nur für sich und ihre Formen seien unantastbar, ist das Gegenteil zu vermelden.Die Kunst genügt sich nicht mehr in der Nabelschau ihrer eigenen Formenentwicklung, sie riskiert vielmehr einen neugierigen Seitenblick auf ihre Nachbarn.Seit einigen Jahren widmet sich der enzyklopädische Geist vieler Künstler den Anfängen der Moderne, als die Disziplinen sich noch nicht auf den Weg ihrer Spezialisierung gemacht hatten.

Es reicht ihnen nicht mehr, die Kunstgeschichte rauf und runter zu buchstabieren; künstlerische Selbstgenügsamkeit gehört der Vergangenheit an.Der Künstler will heute auch die Hardware zur ästhetischen Software herstellen; der künstlerischen Praxis gehen einschlägige Fachstudien voraus.Allerorten ist in der Kunstwelt das Bemühen zu spüren, die Welt zu verstehen, auf die man sich bezieht.Das verbindet viele zeitgenössische Künstler mit dem Volkshochschulgänger.Der Künstler als allgemeiner Betrachter findet sich plötzlich in der Rolle - und in der Verantwortung - des Normalbürgers wieder, mit dem er sich früher nicht an einen Tisch gesetzt hätte.Er interessiert sich für Natur und Gesellschaft, für Mode und Musik, fürs Kochen und die Humanwissenschaften - und ganz besonders für die Entzauberung des Kunstbetriebes, der über sein Wohl und Weh entscheidet.

Dieses säkulare Interesse mögen auch Künstler früherer Generationen aufgebracht haben, doch verarbeiteten sie ihr Wissen ästhetisch im Werk.Die Prozesse, Strukturen und Gesetze der Wirklichkeit - also das andere der Ästhetik - tauchten bei ihnen nur am Rande auf.Heute steht die Wirklichkeit bei vielen Künstlern im Zentrum der Auseinandersetzung.Das ist hart wie Knäckebrot.Da bleibt einem jeder genialische Begriff des "Werkes" im Halse stecken - statt dessen spricht man heute eher von einer künstlerischen "Arbeit".Die letzte documenta wurde wegen ihrer trockenen, unsinnlichen Art kritisiert.

Doch nicht nur das Bild des Künstlers wandelt sich.Auch die Kompetenz, die er aufbringen muß, um im Wettbewerb zu bestehen, wird eine andere.Er muß nicht nur über die Geschichte der Formen und Zeichen informiert sein, er sollte jetzt auch über den Rest der Welt Bescheid wissen.Und da sieht es beim deutschen Künstler zumeist düster aus.In Frankreich kennt jeder Künstler die Hegelsche Ästhetik aus dem Eff-eff.In Deutschland ist als Spätfolge der romantischen Genie-Ästhetik noch immer die Auffassung verbreitet, daß zuviel Wissen dem Künstler eher schade.Erkenntnis stört bei der Schöpfung.Es ist also durchaus an der Zeit, sich über Fragen veränderter künstlerischer Kompetenz zu verständigen.

"Schau-Vogel-Schau" hieß denn auch ein Symposium in der Alten Handelsbörse in Leipzig zum Thema "interkontextueller künstlerischer Kompetenz".Als Gäste hatten die beiden Künstler Marcel Bühler und Alexander Koch einige hochkarätige Redner aus Kunst und Wissenschaft eingeladen, die sich um den interdisziplinären Dialog bemühen.Die Mischung tat dem Symposium gut.Dabei fiel ein gewisser Rollentausch auf: Während Künstler sich heute keineswegs untheoretischer äußern als Wissenschaftler, bedient sich der Theoretiker künstlerischen Anschauungsmaterials und mimt den Entertainer.Inhaltlich gab es wenig Neues innerhalb der virulenten Debatte.Während der einführende Vortrag des Leipziger Kunsthistorikers Hans-Dieter Huber die außerkünstlerische Kompetenz des Künstlers in einem positiven Bereich verortete, sah der Berliner Soziologe Dietmar Kamper die Aufgabe des Künstlers negativ in dem Scheitern seines Projektes.Angesichts der Tatsache, daß es keine Lösungen von Problemen gäbe, die nicht wieder neue Probleme hervorriefen, sprach Kamper, ein Wort Odo Marquardts umwidmend, von der "Inkompetenzkompetenz" des Künstlers.

Bevor man sich jedoch in die abstrakte Unentscheidbarkeit zweier Positionen vertiefte, unterbrach ein Künstlerbeispiel die Nabelschau der Theorie.Die Industrie-Archäologie der Berliner Künstlerin Bettina Allamoda oder der - allerdings hochdiskursive - Text Olaf Nicolais über die Vitrine als Vorläufer utopischer Lebensentwürfe lieferten der angeregten Diskussion anschauliches Dokumentationsmaterial.Am Ende warf Thomas Hübler von der Gruppe Knowbotic Research alle Grenzziehungen zwischen Kunst und Wissenschaft über den Haufen.Vor seinem Laptop referierend, die Benutzeroberfläche des Interface seines Computers mittels Diaprojektion an die Wand werfend, vermittelte Huber einen Eindruck davon, wie die künstlerische Arbeit der Zukunft aussehen könnte.

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