Kultur : Harte Bodys, weiche Birne

„Burn After Reading“, die neue Kino-Komödie der Coen-Brüder

Jan Schulz-Ojala

Ganz klar, das ist eine Tragödie. Denn sie machen ihn fertig, nach Strich und Faden. Da sitzt der CIA-Balkanexperte Osbourne „Ozzie“ Cox bei seinen Chefs – und die kündigen ihm einfach. Einfach so, ohne Ankündigung. Dabei ist er doch einer der Besten, das lässt Ozzie (John Malkovich) trüben Auges seine Oberen wissen, und dann bleibt ihm, weil so gar keine freundliche Stimmung aufzukeimen scheint, nur die Flucht nach vorn. Die Wut. Das „Das ist Hinrichtung!“-Brüllen. Das Türenknallen, die ganze todtraurige Abschlussvorstellung mittelkleinerer Angestellter.

Aber nein, das ist eine Komödie. Hat nicht ausgerechnet ein Mormone unter den Kollegen Ozzie wegen eines Alkoholproblems denunziert – einer von diesen Sektenbrüdern also, die ewig sturztrocken sind? Und was ist mit Ozzies Frau Katie (Tilda Swinton), die, statt sich zartfühlend seiner Jobkatastrophe zu widmen, bloß sauer ist, dass er die leckeren Dinnerparty-Käsehäppchen zu kaufen vergessen hat – und, als Ozzie ihr den Racheplan brisanter Memoiren ausbreitet, so höhnisch loslacht, dass ihr die frisch aufgelegten Kosmetikpflästerchen vom Gesicht zu platzen drohen?

Unsinn, „Burn After Reading“ ist eine Farce. Da gibt es die alternde Fitnessstudio-Angestellte Linda (Frances McDormand), die sich nicht weniger als vier umfängliche Schönheitsoperationen verpassen lassen will – und das auf Kosten der Krankenkasse, in Amerika! Mindestens so grenzdebil ihr Kollege und Fitnesstrainer Chad (Brad Pitt), der seine blondierten Strähnchen im Laufband-Fahrtwind föhnt und sich dabei zur Ohrstöpsel-Lieblingsmusik ekstatisch den Oberkörper verrenkt. Und was soll man erst zu dem Ex-Personenschützer Harry (George Clooney) sagen, der als gereifter Fremdgänger bloß Poppen und Joggen im Kopf hat – nicht zu vergessen die Panik, dass ihn bei Letzterem eine immerselbe schwarze Limousine verfolgt?

Na endlich, das ist die Spur: Der neueste Film der Gebrüder Coen ist ein knallharter Spionage- und Politthriller. Schließlich, so viel sei überblicksdienlich verraten, wandert Ozzies womöglich hochbrisante Memoiren-CD via Linda, deren schönheitsoperationssubventionsmotivierter Rückgabeerpressungsversuch drastisch fehlschlägt, direkt zu den Russen! Nur, warum zeigen sich sogar die stellvertrrretenden rrrussischen Kulturrr-Attachés mit ihrem so wunderbar rrrollenden RRR schnell so desinteressiert, und warum sind selbst die mittelhohen CIA-Chargen bald so wenig im Bilde, dass nunmehr deren Vorgesetzte die weltkrisengegerbten Stirnen in Extra-Falten legen?

Frragen überrr Frrragen, würde Geheimdienstler Krapotkin (Oleg Krupa) jetzt sagen – Fragen allerdings, deren Beantwortung in diesem Parforceritt durch nahezu alle Filmgenres an dieser Stelle offenbleiben darf. Denn nach dem fantastisch finsteren Meisterwerk „No Country for Old Men“, das nicht ohne typisch grelle Coen’sche Lichtblicke war, haben sich die unermüdlich kreativen Brüder Joel und Ethan einen Spaß erlaubt, wie er mitunter schwärzer nicht denkbar scheint. Zwischen Wohnungen, in denen gekündigte sowie gehörnte Ex-Agenten im Bademantel rumschlurfen, und Hantelbuden namens „Hardbodies“, in denen die absurdesten Geldvermehrungsträume reifen, gedeiht das Bild eines vollendet hirnlosen Amerika, vom Dussel-Dater bis zum Geheimdienstchef. Willkommen im freien Land der Hampelmänner und Hampelfrauen!

Natürlich ist das hochunterhaltsam. Und brüllend komisch, vor allem in manch herrlicher Dialogszene, die höchst cool anzuheben scheint und dann wunderbar langsam aus dem Ruder läuft. Ja, „Burn After Reading“ ist der Coen-Brüder schönster Quatsch seit „The Big Lebowski“ (1997) – und folglich, leise sei’s gebeichtet, auch mal augenblicksweise ermüdend. Aber nur ein ganzes Bisschen.

Ab morgen in 22 Berliner Kinos; OV im Cinestar Sony-Center, OmU im Odeon und in den Hackeschen Höfen

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