Kultur : Harte Schule

Martin Schwickert

Wenn bloß der Schluss nicht wäre. Gregory Hoblits Kriegsgefangenen-Drama "Das Tribunal" führt seine Geschichte über die Machtkämpfe in einem deutschen Gefangenenlager des Zweiten Weltkrieges vom turbulenten Action-Auftakt durch die Untiefen eines Ensemble-Kammerspiels hin zu einem spannenden Gerichtsthriller. Erst in den letzten Minuten wird der Film von den patriotischen Standards des Genres übermannt und verflacht die widersprüchlich angelegten Figuren zu Heldenklischees.

Wie viele Klassiker der Kriegsfilmbranche erzählt auch "Das Tribunal" aus der Perspektive eines unerfahrenen Soldaten, der von der Brutalität der Ereignisse überrollt wird. Als junger Offizier wird der Jurastudent Thomas Hart (Colin Farrell) 1944 in die US-Armee eingezogen. Der Vater ist ein einflussreicher Mann und hat dafür gesorgt, dass der Sohn seinen Dienst in sicherer Distanz zur Front verrichtet - bis Hart auf einer Routinefahrt in einen deutschen Hinterhalt gerät. Er wird gefangen, gefoltert und schon nach wenigen Tagen zum militärischen Geheimnisverräter.

Als gescheiterter Held landet der junge Lieutenant im Kriegsgefangenenlager, wo ihm die Aufnahme in die Offiziersbaracke verweigert wird. Trotz des repressiven Regimes der deutschen Aufseher hält Colonel McNamara (Bruce Willis) mit Hilfe seines unerschöpflichen Charismas die Moral der Truppe auch in der Gefangenschaft zusammen. Die wird allerdings empfindlich gestört, als zwei schwarze Fliegeroffiziere im Lager ankommen. Offener Rassismus schlägt ihnen von den weißen GIs entgegen, die sich mit den deutschen Aufsehern gegen die Afroamerikaner verbünden. Als einer der Piloten verdächtigt wird, einen weißen Mitgefangenen ermordet zu haben, soll Hart ihn vor einem improvisierten Häftlingstribunal verteidigen. Die Gerichtsverhandlung wird nicht nur zur Bewährungsprobe für den Nachwuchsjuristen, sondern setzt auch einen Machtkampf zwischen McNamara und dem deutschen Lagerkommandanten (Marcel Iures) in Gang.

In "Das Tribunal" entwirft Regisseur Hoblit ("Zwielicht") ein verwinkeltes Handlungslabyrinth, in dem der unerfahrene Hart als Spielball hin- und hergeworfen wird und Fragen der moralischen Integrität und persönlichen Loyalität formuliert werden. Dabei werden US-Rassismus und deutscher Herrenmenschenwahn miteinander verzahnt. Unter den verschärften Bedingungen der Lagerhierarchie verschieben sich die gewohnten Freund-Feind-Schemata.

Aus der Enge des Barackenlebens, das die Kamera in atmosphärisch dichten, fast monochromen Bildern einfängt, werden die Charaktere differenziert herausgearbeitet. Sogar die Figur des Nazi-Kommandanten wächst über das Klischee des kultivierten Sadisten hinaus, während Bruce Willis mit bewährt gerunzelter Stirn seinen Colonel konsequent im moralischen Zwielicht hält. Wenn bloß der Schluss nicht wäre - der in einem dramaturgischen Herkulesakt Gut und Böse wieder sauber trennt und das düstere Sittenbild der Lagergesellschaft als strahlendes Heldenporträt übermalt.

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