Kultur : Harter Geist, weiches Herz

Plötzlich ein Spätwerk: die österreichische Schriftstellerin Ilse Aichinger wird 85

Roland Berbig

Ein Bild, wie man es von ihr zu kennen meint: Ilse Aichinger, in einem Wiener Café sitzend, umgeben von Menschen, die sie nichts angehen, vor sich Zettel – und in der Hand einen Stift, der über das Blatt fliegt. Kein Dezennium ist es her, als das Wort von der verstummenden Dichterin so geflügelt war, wie ihre Stellung in der Literaturgeschichte besiegelt schien. Ihren Rang verdankte Aichinger zwei großen frühen Texten – dem Roman „Die größere Hoffnung“ (1948) und der Erzählung „Spiegelgeschichte“ (1949). Jahre waren dem Glanz des frühen Ruhmes gefolgt, in denen sich die Dichterin in einen immer engeren Sprachraum zurückzog.

Kurze luzide Dialoge, Szenen und Prosastücke entstanden, bis ihr in den achtziger Jahren kaum mehr als Sentenzen publikationswürdig vorkamen. Dann die Sensation: Wie aus dem Nichts erwuchs ein Spätwerk, als hätte es die Jahre des Schweigens nie gegeben. Texte, geschrieben zuerst für den österreichischen „Standard“, dann von ihr und dem 2004 tödlich verunglückten Freund Richard Reichensperger zum Buch versammelt. Weitere Bücher folgten. Gerade erst ist in der Wiener Edition Korrespondenzen das Bändchen „Subtexte“ (80 S., 16 €) erschienen, außerdem gibt es einen prachtvollen Fotoband von Stefan Moses mit ausgewählten Texten von Aichinger (S. Fischer, Frankfurt am Main, 160 S., 29,90 €) .

Vor einem Jahr hat Aichinger ihr Archiv in das Deutsche Literaturarchiv Marbach gegeben, das auch den Nachlass ihres Ehemanns Günter Eich aufbewahrt. Handschriften, Typoskripte, Tausende von Zetteln und Notizen, Briefe von ihr und an sie sind dort nun in grauen Mappen verstaut. Überschriften wie „Vermischte Prosa“ zeigen: Noch hat die ordnende Hand der Institution das Eigenleben der ursprünglichen Hervor- und Unterbringungen nicht ausgelöscht.

Überall ist eine Energie spürbar, als säße Ilse Aichinger mit am Tisch. Auf dem häufen sich die Blätter, werden zu Stapeln. Worte seien das Einzige, so Aichinger in einem Gespräch, „womit ich mir Realität verschaff’“. Ihre endlosen Notierungen auf Briefumschlägen, Werbeflyern oder Hotelbriefbögen versetzen den, der sie in die Hand nimmt, an lebendige Orte. Er wird Augenzeuge, wie aus einem Schlagwort, aus einem Namen, einer Adresse ein Text entsteht, wie er abgebrochen, wieder aufgenommen, zu einem Ende geführt wird. An Rätselhaftem mangelt es nicht. Oft tauchen Listen mit Namen auf. Es ist, als habe der Name eines vertrauten Menschen die Dichterin veranlasst, ihn mit anderen zu kombinieren: Neben „Günter Eich“ plötzlich viele Günter, und ebenso plötzlich löst die dichtend-spielende Hand die Namen auf in Silben, in Vokal- und Konsonantengruppen. Man ahnt, was Aichinger meinte, als sie sagte, kontrollierendes Bewusstsein müsse ermüdet werden, „damit das Schreiben allein sein kann“ und das Wort nicht länger ein Provisorium sei.

Die anfängliche Scheu in der Marbacher Handschriftenabteilung verliert sich. Je vertrauter die Aura wird, umso unbefangener vertraut man ihr. Man lächelt über die liebenswürdige Verschwendung, für jeden neuen Text einen jungfräulichen Notizblock zu benutzen. Was Marotte scheint, wurzelt doch im Poetologischen: Schreiben ist immer Jetzt, immer Anfang, immer Augenblick. Der Dichterin, der das Wort Abschied Inbegriff allen Schreibens ist – „Dem Abschied auf die Spur kommen“ –, sie zeigt ein elementares Bedürfnis nach Anfang. Die Magie des Schreibens waltet, sei es auf Rückseiten von Rätselheften oder auf Büttenpapier. Die Materialität von Schrift hat Anteil am Schabernackspiel, an dem Aichinger sichtlich Vergnügen hat. Dem Alltag wird handschriftlich das Siegel des Auratischen verliehen.

Persönliches und Poetisches sind in Aichingers „Vorlass“ im Marbacher Archiv noch wild durcheinandergewirbelt. Die private Notiz liegt neben der verworfenen Dialogskizze, die vertrauliche Nachricht gleicht einem Vers. Diese Schriftstellerin benötigte nicht die mahnende Präsenz eines unvollendeten Textes, um sich in seiner Denkwelt zu bewegen. Sie, darüber lässt dieses wunderbare Chaos keinen Zweifel, ist allgegenwärtig im Geschriebenen.

Anders als bisher geglaubt, hat die Dichterin keineswegs das Verseschreiben aufgegeben. Sie ist dabei ihren Wörtern treu geblieben. Noch sind sie ihr nicht erschöpft und erschöpfend bedacht: „Nimm Abschied, solange du da bist. / Wisch ihn mit den Krumen vom Tisch, / streif ihn mit dem Staub von der Heizung, / reinige alle Spiegel von ihm / und nimm ihn an dich: / Er gebührt dir.“ Sie umkreist die Zeichen, ordnet sie neu, streicht. Schreiben, weiß sie, ist „Ordnung machen aus der Liebe“. In dieser Werkgeschichte des Ungedruckten leben die Streichungen fort. 1996 erhielt Ilse Aichinger den Großen Österreichischen Staatspreis. Aus der Rede, die sie hielt, hat sie zuvor eine Passage gestrichen. Sie lautet: „Ich nehme diesen Preis für meine Angehörigen an und für alle, für die sich die Sache etwas zu sehr in die Länge gezogen hat. Wien ist eine windige Stadt. Vielleicht, dass der Nordwind die Nachricht davon in Richtung Minsk weiterträgt, wo es zwar keine Gräber gibt, aber doch einen stillen Himmel, der diese und nur diese Nachricht für diejenigen bewahrt, denen sie zusteht.“ Nach Minsk wurden ihre Großmutter und deren Verwandte 1942 deportiert. Wer möchte, dass diese Worte verloren gehen?

Man muss einen harten Geist und ein weiches Herz haben. Aichinger zitiert diesen Satz aus Sophie Scholls Tagebuch wiederholt. Er hätte in ihren eigenen Tagesaufzeichnungen stehen können. Diese Aufzeichnungen sind eine Kostbarkeit der Marbacher Bestände. 1938 begann die 16-Jährige mit Notizen. „Wir dachten an nichts“, liest man, „und wussten doch mehr als die Erwachsenen.“ Was zehn Jahre später in „Die größere Hoffnung“ zum Roman wird, nimmt in diesen Blättern seinen Anfang und unerbittlichen Verlauf. Kindliches Erzählen löst sich auf und tastet sich in ein Schreiben, das den Tod als alltägliche Erfahrung hat. „Mein Leid heißt: Ehrlosigkeit“, lautet eine Notiz. Abschiednehmen wird zum Exerzitium, der Verlust von Trost auch.

Diese Einträge drängen ins Literarische, und der Weg ist weit. Der Schutzraum, den das Kindlichkeit verteidigende Schreiben sucht, wird von der Geschichte wortwörtlich weggesprengt: wie die Schwedenbrücke, über die zuvor unentwegt „Lastwagen mit verlorenen Menschen rollen“. Heute wird Ilse Aichinger 85 Jahre alt. Wir haben gerade erst angefangen, ihr Werk zu lesen.

Der Autor lehrt Neuere deutsche Literatur an der Berliner Humboldt-Universität.

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