Kultur : Hartz mit Herz

Im Kino: Eoin Moores „Im Schwitzkasten“

Christiane Peitz

Sie nennen sich die Donnerstagsgruppe und treffen sich einmal die Woche in der Sauna. Lauter typische Berliner von heute: Toni, der Langzeitarbeitslose (Andreas Schmidt), Karin, seine Ex, die als Ich-AGlerin Versicherungen und Fitnessgeräte vertickt (Steffi Kühnert), die Stewardess Karin (Esther Zimmering), die gerade ihren Job verloren hat, der Politikerredenschreiber (Edgar Selge) und die Sozialhilfeempfängerin mit Dritte- Weltrettungs-Ambitionen (Laura Tonke).

Überleben in Zeiten von Hartz IV: Ähnlich wie Andreas Dresens „Sommer vorm Balkon“ erzählt auch der irisch-stämmige, in Berlin lebende Regisseur Eoin Moore in seinem Ensemblefilm vom Druckkessel Deutschland, von Existenzkämpfern, ach was, von Durchwurschtlern und Existenztüftlern, Menschen wie du und ich. Und ähnlich wie Dresens Komödie schlägt auch „Im Schwitzkasten“ eine heiter-spröde Tonart an, angereichert um eine gehörige Portion Berliner Schnauze, Marke extra dry.

Die Sauna als Biotop für zarte Gefühle und weniger zarte Politdebatten: Die marode Wellnessbude wird zum Versuchslabor für tragikomische Konstellationen nach dem Motto „Inspiration durch Transpiration“. Hier kannst du entspannen, hier bist du Mensch, hier darfst du nackt sein. Spätestens beim Gebirgslatschenkiefer-Aufguss ist Gelegenheit, auch mal die Not der anderen zur Kenntnis zu nehmen. Prompt sieht sich der Redenschreiber mit den neoliberalen Parolen – Edgar Selge gibt ihn als zauselig enthusiasmierten Pantoffelhelden-Professor und Politikergatten – genötigt, seine Wahlkampf-Slogans mit der zerknitterten Lebenshaltung des Langzeitarbeitlosen in Einklang zu bringen. Gar nicht so einfach.

Auch nicht leicht in diesen Tagen: eine Sauna zu finanzieren. Besitzer Jost (Charly Hübner) improvisiert zwar mit Havelschlamm für die Fango-Packung und Aldi-Säften in Bioflaschen, aber es hilft nichts. Nadine, Schwester und Mitbesitzerin (Christiane Paul), hat zwar keine Ahnung, wie dringend ihr Etablissement eine Finanzspritze bräuchte – aber dann fallen ihr die Mahnbescheide gleich stapelweise in die Hände.

Eine charmante, aberwitzige Lowbudget-Produktion (für nur 640 000 Euro) mit illustrer Besetzung, die augenzwinkernd auf das Image der Darsteller anspielt. Steffi Kühnert lässt ihre Type aus „Halbe Treppe“ durchblicken. Christiane Paul, sie war lange nicht mehr auf der Leinwand zu sehen, drückt sich schüchtern am Bildrand herum. Und der spirrelige Andreas Schmidt markiert diesmal nicht den „Sommer vorm Balkon“-Macho von Fernfahrer, sondern ganz im Gegenteil den in Liebesdingen haltlos schüchternen Arbeitslosen. Was für ein Loser: Beim Fahrradklau für den geliebten Sohnemann lässt er sich auch noch vor den Augen desselben erwischen. Die Donnerstagsgruppe, es sind die Verlierer des Turbo-Kapitalismus. Lauter Sisyphos-Typen. Man wurschtelt sich durch, packt was an und kommt nicht vom Fleck. Sogar die toughe Stewardess muss sich in der Bewerbungsrunde bei der Billigfluglinie demütigen lassen.

Auch die Sauna schreibt immer rötere Zahlen – bis sich der Plan vom Wellness-Paradies mit dem Politikergatten als Möchtegern-Investor als das schlimmste aller Desaster erweist. „Im Schwitzkasten“ ist ein bisschen böser, chaotischer, schwärzer als „Sommer vorm Balkon“, die Komödie kippt in die Farce. Ein Aufguss macht eben noch keinen Aufschwung. Und nicht jedes Herz verträgt hohe Temperaturen.

In Berlin: Blow Up, Central Hackescher Markt, Filmkunst 66, Filmtheater am Friedrichshain, Yorck.

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