Haschischgeschichten von Bernd Cailloux : Die Wahrheit ist größer als ein Kadett

Bekannt geworden ist der Berliner Schriftsteller Bernd Cailloux mit seinem Erinnerungsroman „Das Geschäftsjahr 1968/69“. Jetzt veröffentlicht er komisch-nostalgische "Haschischgeschichten".

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Über den Wolken. Ein Demonstrant raucht bei der Berliner Hanfparade eine Haschzigarette. Kay Nietfeld/dpa
Über den Wolken. Ein Demonstrant raucht bei der Berliner Hanfparade eine Haschzigarette.Kay Nietfeld/dpa

Drogen sind eine Fluchtmöglichkeit. Sie führen heraus aus der Wirklichkeit, hinein in eine Gegenwelt. Jedenfalls theoretisch. „Es ging uns um die Suche nach dem Eigentlichen in der Existenz“, lässt Bernd Cailloux den Ich-Erzähler seiner Kurzgeschichte „Ein Mann des Übergangs“ sagen. Worauf Herr Neumann, mit dem der Erzähler im Park seiner Reha-Klinik ins Gespräch gekommen ist, spöttisch fragt: „Und dafür brauchten Sie diesen Jungen mit seinem Bentley?“ Klar, entgegnet der in die Jahre gekommene Betäubungsmittelenthusiast: „Die Wahrheit ist nun mal was Großes, nichts für ’nen Opel Kadett.“

Fallhöhe des Lebens

Euphorie und Scheitern gehören zu den Lieblingsthemen von Cailloux. In seinem Roman „Das Geschäftsjahr 1968/69“ hat der Berliner Schriftsteller von zwei Hippie-Unternehmern erzählt, die mit dem Verkauf von Stroboskopen für Diskotheken schnell reich werden und genauso schnell alles wieder verlieren.

Ähnlich hoch ist nun die Fallhöhe für die Protagonisten seiner „Haschischgeschichten“. Drogen sehen sie in erster Linie als Geschäftsmodell, doch statt im Reichtum landen sie meist im Knast. Wie Micha, der „milchbubigesichtige Schlaks“ mit „gewagter, bis zu den Schultern herunterwallender Mähne“, der Ende der sechziger Jahre im Angeber-Bentley durch Frankfurt kreuzt und im entstehenden Haschischhandel seine Chance wittert. Als er eine Million LSD-Trips für eine Million Mark besorgen soll, hofft er auf den großen Coup. Allerdings sind die Kunden, denen er die Bestellung auf einer Autobahnraststätte überreicht, von der Polizei.

In einer Mischung aus Nostalgie und Ironie erzählt Cailloux von einer Zeit, in der Verweigerer noch „Gammler“ genannt wurden und in Ad-hoc-Cliquen „allabendlich ein Joint nach dem anderen herumging“. Drogen waren gerade erst in der Popkultur angekommen, der Rausch sollte – bitte, bitte – niemals enden. Ein Jugendlicher aus dem Nordharz entdeckt im Hasch das „Wunder unserer Tage“ und schleust zusammen mit einem Freund, der bei der Handelsmarine angeheuert hat, zwölf Kilo Gras der Marke „Surabaya Gold“ an Polizei und Zoll vorbei in die Düsseldorfer Künstlerszene. Danach halten sie sich für unbesiegbar: „Das Leben konnte so weitergehen.“

Lebensträume im Kofferraum

Vermutlich wird es das aber nicht, genauso wenig wie die Sache gut geht für den Schweden, der Joints verabscheut, aber ganze Kofferladungen davon aus Karatschi holt, um seine deutsche Ehefrau zu beeindrucken. Während er auf die Eröffnung seines Hauptverfahrens wartet, geht ihm ein Deleuze-Zitat nicht mehr aus dem Kopf : „So lässt sich sagen, dass in jedem Fall die Droge das Problem der Wahrnehmung verändert hat – sogar für diejenigen, die keine Drogen nehmen.“

Die sechs Geschichten von „Surabaya Gold“ sentimentalisieren die Vergangenheit nicht und auch nicht den Rausch. Drogenhandel ist, wie Cailloux, 70, im Nachwort schreibt, ein knallhartes Geschäft, das „lange vor anderen Wirtschaftszweigen globalisiert war.“ Gegenkultur? Purer Kapitalismus.


Bernd Cailloux: Surabaya Gold. Haschischgeschichten. Suhrkamp, Berlin 2016. 140 Seiten, 10

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