Kultur : Hass auf den ersten Blick

Von Denis Scheck

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Denis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, kommentiert einmal monatlich die Bestsellerlisten des „Spiegel“ – parallel zu seinem ARD-Magazin „Druckfrisch“ (heute, 23 Uhr 30, mit den Gästen Günter Grass, Michael Martin und Frank Schätzing.) Diesmal: die meistverkauften Belletristiktitel.

 Zum Thema Tagesspiegel Online: Literatur Spezial
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10) Robert Gernhardt: Später Spagat.

(S. Fischer Verlag, 200 Seiten, 14,90 €)

Letzte Gedichte eines großen deutschen Dichters, in denen der Ende Juni verstorbene Robert Gernhardt mit unerschütterlichem Wankelmut und souverän gehandhabter Formensprache eine Lebensbilanz zieht und sich mit seiner Krebserkrankung auseinandersetzt. Sehr schön, sehr komisch, sehr traurig.

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9) François Lelord: Hectors Reise. (Aus dem Französischen von Ralf Pannowitsch, Piper Verlag, 192 Seiten, 16,90 €)

Banale Lebensweisheiten über den Weg zur inneren Zufriedenheit, verpackt in eine hanebüchene Story über die Weltreise eines Pariser Psychiaters, der herausfinden möchte, was Menschen weltweit über das Glück denken. Zuckerwatte fürs Hirn, die wie Blei im Magen liegt.

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8) Iny Lorentz: Das Vermächtnis der Wanderhure. (Knaur, 720 Seiten, 16,90 €)

Lorentz schreibt Romane für Frauen, die davon träumen, einmal Hure zu sein und dann doch den Richtigen zu finden. Die zweite Fortsetzung der „Wanderhure“ ist eine Art „Soweit die Füße tragen“ im Mittelalter-Remix. Eigentlich ein Indiz der geglückten Frauenemanzipation, dass nun auch im deutschen Unterhaltungsroman solche Geschichten erzählt werden, aber Sätze wie „Der Kopf kollerte durch den Raum, prallte gegen die Wand und blieb mit dem Gesicht auf seinen Mörder gerichtet liegen“ lassen einen an Buch und Autorin verzweifeln.

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7) Martin Suter: Der Teufel von Mailand (Diogenes, 304 Seiten, 19,90 €)

Ein Hotel im Unterengadin, eine durch eine Scheidung traumatisierte Therapeutin, eine mittelalterliche Teufelssage. „Er sah aus wie der Duft von Koriander“, schreibt Suter über die Synästhie, unter der seine Heldin nach einem – natürlich unfreiwilligen – LSD-Trip leidet. Sagen wir so: Dieser Roman riecht wie Samt, schmeckt aber wie Schmirgelpapier.

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6) Donna Leon: Blutige Steine (Aus dem Amerikanischen von Christa E. Seibicke. Diogenes, 368 Seiten, 12,90 €)

Im 14. Fall Commissario Brunettis geht es um einen Mord an einem schwarzen fliegenden Händler, um Blutdiamanten, illegalen Waffenhandel, Markenpiraterie und Ausländerfeindlichkeit. Aber das täuscht. Denn wie eine gute Pasta kommt Leon längst mit maximal drei Zutaten aus, um einen idealen Krimi zu schreiben: ihrem Helden, dessen Familie und Venedig. Alles andere ist Dekoration: interessant, aber für den Kern der Sache irrelevant.

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5) Tommy Jaud: Resturlaub (Scherz, 256 Seiten, 12,90 €)

Angesichts eines auf Eigenheim, Ehe und Familie zusammenschrumpfenden Zukunftshorizonts überfällt den Mitarbeiter einer fränkischen Brauerei verständliche Panik. Leider erzählt Jaud diese schöne Geschichte einer Midlife-Krise in der Provinz in einem penetrant dauerwitzelnden Comedy-Ton, der jeden Tiefgang verhindert. So verläppert ein an sich interessantes Thema in einer vulgären Unterhaltungsstory mit dem Odium eines Männer-Umkleideraums und dem trostlosen Fazit: Appetit holt man sich in Brasilien, aber gegessen wird bei Muttern.

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4) Elizabeth George: Wo kein Zeuge ist. (Aus dem Amerikanischen von Ingrid Krane-Müschen und Michael Müschen. Blanvalet, 798 Seiten, 22,95 €)

„Was ist nur aus uns geworden, Barbara?“, fragt der Seriendetektiv und -inspektor Lynley am Ende dieses Romans über einen Serienkiller in London seine Assistentin Barbara Havers. Elizabeth George wird in ihrem moralischen Rigorismus immer unerbittlicher und in ihrer Gesellschaftsanalyse gleichzeitig immer überzeugender. Deshalb müssen sich P. D. James, Ruth Rendell und Minette Walters auch in diesem Jahr wieder darüber ärgern, dass ausgerechnet die heute in Kalifornien beheimatete Amerikanerin George den besten englischen Krimi geschrieben hat.

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3) Martin Walser: Angstblüte (Rowohlt, 528 Seiten, 22,50 €)

Der beste Roman auf dieser Liste, weil Martin Walser glanzvoll beweist, dass Romane mehr sein können als ein bloßer Zeitvertreib. Walsers Hauptfigur, ein Vermögensberater namens Karl von Kahn aus München, ist verliebt in den Zinzeszins. Unheimlich ist diesem Liebenden des Kapitalismus nur die „Kulturfraktion“, jene geschmäcklerischen Besserwisser, die einfach kein Gespür für die Erotik einer Spekulation gegen das britische Pfund besitzen, dafür aber ein umso feineres Sensorium für soziale Distinktion. Radikaler als Walser, der schon mit „Der Augenblick der Liebe“ in Topform war, schreibt heute niemand in Deutschland über Geld, Sex und Altern. Wer sich auch nur am Rande für eines dieser Themen interessiert, greife zu diesem Buch!

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2) Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt (Rowohlt, 304 Seiten, 19,90 €)

Eine unterhaltsame Sparringsrunde aus der deutschen Geistesgeschichte erzählt der junge Wiener Schriftsteller Daniel Kehlmann in seinem scharfsinnig konstruierten und gut geschriebenen Buch über die höchst unterschiedlichen Gottsucher Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauss. Der Reiz dieses historischen Kuriositätenkabinetts erschließt sich auf Anhieb – nicht aber seine Relevanz.

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1) Ildiko von Kürthy: Höhenrausch (Wunderlich, 254 Seiten, 17, 90 €)

„Wir lernten uns unter so unglaublich peinlichen Bedingungen kennen, dass wir nur eine Wahl hatten“, heißt es am Anfang dieses neuen und fünften Romans der quietschfidelen Unterhaltungsautorin Ildiko von Kürthy, die uns schon mit Werken wie „Mondscheintarif“ und „Herzsprung“ verwöhnt hat: „Wir mussten uns hassen oder lieben. Eine ausgewogene Beziehung war unter den gegebenen Umständen nicht möglich.“ Just so geht es mir mit „Höhenrausch“, diesem forciert munteren Vögel-Ratgeber für Singles des 21. Jahrhunderts. Es war Hass auf den ersten Blick.

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