Kultur : Hast du zur Macht gebetet ...

Ein

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von Rüdiger Schaper

Die Sozialdemokratie spielt hoch. Sie führt Schiller auf. „Die Verschwörung des Fiesco zu Genua“. Im Untertitel heißt es „Ein republikanisches Trauerspiel“. Aber halt! So einfach ist es nicht. Den „Fiesco“ (gesprochen Fi-es-co, nicht wie fies) kann kein Mensch nacherzählen, ohne sich heillos zu verwirren. Es gibt zu allem Überdruss auch noch zwei Schlüsse. Im Prinzip geht es darum, dass Fiesco immerzu sagt, er diene mit all seiner Kraft der Republik, während er in Wahrheit einen Umsturz plant. Nun, man kann es sicher auch ganz anders darstellen. Jedenfalls wird Fiesco (erste Variante) ins Meer gestürzt, Republik gerettet. Schillers Intendant Dalberg fand das doof. Deshalb (zweite Variante) wird Fiesco nicht ermordet, er verzichtet freiwillig auf den Herzogtitel: Ordnung in Genua wiederhergestellt. Man muss hinzufügen – der „Fiesco“ ist auf unseren Bühnen nie wirklich populär geworden.

Und die Union? Dort wird Shakespeare aufgeführt. „Othello“. „Woman is the nigger of the world“, sang einst John Lennon und: Yes, she is. „Othello“ kennt jeder, im Prinzip. Eifersucht ist das Leitmotiv. Othello, der Anführer, ist eifersüchtig, weil er denkt, dass Desdemona einen anderen hat. Mit schlimmen Folgen. Frau tot. Othello erdolcht sich. Noch heftiger aber tobt die Eifersucht in Jagos Herz. Das setzt die Katastrophe in Gang.

Othello wird von einer weißen Frau gespielt, das geht. Aus den östlichen Provinzen kommend, wird sie auf fremdem Territorium nur geduldet. Doch Jago, der zweite Anführer, der einmal beinahe Erster geworden wäre, erträgt das nicht. Darüber kommt er nicht weg. Er fühlt sich übergangen und will über Leichen gehen. Er schweigt, wenn er reden müsste, und er sagt schlimme Dinge, wenn er besser geschwiegen hätte. Bei öffentlichen Auftritten steht er immer neben Othello, schwört Treue und kreuzt die Finger hinter dem Rücken. Alles, was er unternimmt, tut er in voller Absicht. Jago kennt keinen Zufall. Ans Ziel kommt er nicht. Er kriegt seine Strafe.

Die Parallelen zu Schiller: Auch bei Shakespeare ist die Republik in Aufruhr, diesmal Venedig. Gefahr droht nicht von innen, sondern von den Türken. Die drängen nach Norden. So steht es geschrieben. Um die Lage einigermaßen wieder ins Lot zu bekommen, treten die Hauptrollenspieler ab; die Macht wird abgetreten, hier wie dort. Und das Theater ist aus. Immer zu früh eigentlich. Aber das Drama drängt zur Lösung. Was danach kommt, ist nicht mehr so klassisch.

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