Kultur : Hast und Maus

Joseph Barbera, Erfinder von Tom & Jerry, der Familie Feuerstein und Yogi-Bär, ist tot

Christian Schröder

Es ist eine klassische Hassliebe: Sie machen sich das Leben zur Hölle, aber sie kommen nicht los voneinander. Tom, die Katze, und Jerry, die Maus, traktieren einander mit Hämmern, Äxten, Gewehren, Gift und Dynamit, sie jagen, schlagen, zerlegen sich. Am Ende liegt die Welt in Trümmern und Udo Jürgens singt: „Vielen Dank für die Blumen, vielen Dank, wie lieb von dir.“ Die Zeichentrickserie „Tom & Jerry“, mit der ganze Generationen von Fernsehzuschauern aufwuchsen, ist bei Pädagogen bis heute wegen ihrer Brutalität umstritten. Dabei lautet ihre heimliche Botschaft: Gewalt ist keine Lösung. Tom und Jerry bringen sich nicht um, sie spielen bloß miteinander. Damit ihr Kampf in der nächsten Folge wieder von vorn beginnen kann.

Erfunden wurden Tom und Jerry von Joseph Barbera und William Hanna, die sich Ende der dreißiger Jahre im MGM-Trickfilmstudio kennenlernten. Sie arbeiteten an einer Trickfilmserie, die auf dem Zeitungscomic „The Katzenjammer Kids“ basierte und waren es irgendwann leid, fremde Ideen auszuführen. „Wir waren verzweifelt“, erzählte Barbera später in einem Interview. „Da fragte ich Bill: Warum versuchen wir es nicht mit einem eigenen Cartoon?“

1940 kam ihr Kurzfilm „Puss Gets the Boot“ in die Kinos, der von den Abenteuern einer fiesen, leicht dümmlichen Katze und einer gewitzten Maus handelte und für einen Oscar nominiert wurde. Die Katze hieß da aber noch Jasper und die Maus Jinx, als Tom und Jerry gingen sie erst ab 1941 in Serie, mit bis zu 15 Kino-Cartoons pro Jahr. Als das vom aufkommenden Fernsehen angeschlagene MGM-Studio 1957 seine Trickfilmabteilung schloss, nahmen Hanna und Barbera die Herausforderung an, gründeten ihre eigene Firma „H-B Enterprises“ und animierten fortan vor allem für den Bildschirm. 1960 startete ihre Sitcom „The Flintstones“, die ab 1966 unter dem Titel „Familie Feuerstein“ in Deutschland lief. Es folgten weitere Welterfolge wie „Scooby Doo“, „Yogi-Bär“ und „Die Jetsons“.

William Hanna starb Anfang 2001. Mit dem Tod von Joseph Barbera, der im Alter von 95 Jahren in Los Angeles gestorben ist, endet nun eine ganze Trickfilm-Ära. Der brachiale Slapstick von „Tom & Jerry“ hat die Ästhetik des Mediums bis zum grausam-komischen Witz von „Spongebob“ geprägt, und die dysfunktional-liebenswerte Zeichentrickfamilie „Die Simpsons“ wäre ohne die Flintstones als säbelzahntigerfelltragender Vorläufer undenkbar. Fred und Wilma Feuerstein mögen zwar wie ihre Nachbarn Barney und Betty Geröllheimer in Steintal (im US-Original: Bedrock) noch in Höhlen wohnen, gemeint ist aber die ewige amerikanische Vorstadt, in der Flintstones-Fan Matt Groening dreißig Jahre später seine Simpsons-Saga ansiedelte. Der von Fred Feuerstein erschaffene Freudenschrei „Yabba Dabba Dooo!“ zählt zu den großen Ausrufen des 20. Jahrhunderts, vergleichbar allenfalls mit Little Richards „AWop BopaLooBopAlopBamBoom!“ und „Gabba Gabba Hey!“ von den Ramones.

Joseph Barbera, 1911 in Little Italy geboren, hatte sich als Bankangestellter, Bühnenautor, Amateurboxer versucht, bevor er eine Karikatur an das Magazin „Collier’s“ verkaufte. Er schrieb eine Bewerbung an Walt Disney, bekam aber keine Antwort. Stattdessen begann er 1932 als Phasenzeichner bei dem kleinen Van Beuren Studio in New York, 1936 ging er zu MGM nach Hollywood. Mit William Hanna bildete er ein unschlagbares Team: Hanna entwickelte die Charaktere und setzte das Timing, Barbera war der bessere Gagschreiber und Zeichner. Joseph Barbera hat bis zuletzt gearbeitet. Sein letzter Film „The Karateguard“ wurde vor einem Jahr fertig. In den Hauptrollen, erstmals seit einem Vierteljahrhundert: Tom & Jerry.

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