Kultur : Hasta la victoria

Zum Tod der Sängerin Mercedes Sosa

Roman Rhode

Ihre Auftritte besaßen die Intimität von Dichterlesungen und die Wucht von Rockkonzerten. „Die Stimme Lateinamerikas“, wie Mercedes Sosa von ihrem Publikum genannt wurde, umfasste zwei Oktaven; ihr tiefer Sopran war kraftvoll und zärtlich, wechselte zwischen leisem Jubel, Deklamation oder scharfer Anklage. Sosa war Sängerin, keine Songschreiberin. Doch jedes Lied, das sie aus dem großen Repertoire lateinamerikanischer Autoren schöpfte, schien ihr besonders am Herzen zu liegen. Bei der Auswahl zeigte Sosa ein untrügliches Gespür für Emotion, Melodie, Poesie – und den jeweiligen historischen Augenblick. „Gracias a la vida“, ihre berühmteste Interpretation, war dagegen zeitlos. Die Zeilen der Chilenin Violeta Parra verwandelte Sosa auf jedem ihrer Konzerte in eine Hymne auf das Leben selbst.

Geboren wurde Mercedes Sosa 1935 in San Miguel de Tucumán im Nordwesten Argentiniens. Mit 15 Jahren begann sie ihre Karriere im Radio, 1964 gehörte sie zu den Begründern der Bewegung des Neuen Argentinischen Liedes. Die besann sich auf die nationale Folkloretradition, füllte den alten Wein in neue Schläuche und schuf ein Protestlied, das sie mit den Rhythmen von Zambas, Chacareras oder Tonadas unterlegte. Sosa interpretierte zunächst Kompositionen aus ihrer Heimatregion, startete 1967 eine erste Tournee durch die USA und Europa, dann holte sie zu einem panamerikanischen Gestus aus.

Anfang der Siebziger entstanden ihre Hommage an Violeta Parra, die in Chicago produzierte „Cantata Sudamericana“ und das erste dezidiert politische Album „Hasta la victoria“. Nach dem Militärputsch in Chile 1973 trat Sosa als Gegnerin von Diktaturen und sozialer Ungerechtigkeit auf, in ihren Liedern schlug sie jedoch eher lyrische Töne an. Sie vertonte Pablo Neruda, sang Lieder ihres Landsmanns Atahualpa Yupanui, des Kubaners Silvio Rodríguez und des Brasilianers Milton Nascimiento. Nachdem sich 1976 auch in Argentinien das Militär an die Macht geputscht hatte, wurden ihre Platten verboten. Als Sosa 1979 während eines Konzerts zusammen mit dem Publikum verhaftet wurde, ging sie ins Exil nach Madrid. Drei Jahre später kehrte sie nach Buenos Aires zurück – und überraschte mit einem Repertoire, das neben Folklore auch Tango und Rock beinhaltete.

Ihren Siegeszug um die Welt setzte Sosa fort. 2000 erfüllte sie sich mit der „Misa Criolla“ einen Lebenswunsch, sie triumphierte in der Carnegie Hall, war auf den Bühnen Europas zu Hause, in Argentinien und Chile füllte sie Stadien. Sie trat mit Luciano Pavarotti und Sting auf, im Duo mit Joan Baez sang sie „Gracias a la vida“. In der Nacht zum Sonntag ist Mercedes Sosa mit 74 Jahren in Buenos Aires gestorben. Roman Rhode

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