Kultur : Hat sich die SPD durch ihren Erfolg überflüssig gemacht?

Sie haben den Begriff "Generation Berlin" gepr&aum

Heinz Bude hat den Generationenwechsel in Politik und Gesellschaft zu seinem Thema gemacht. Die Berliner Republik, so sagt der Soziologe voraus, werde anderen politischen Leitbildern folgen als die Bonner Republik, die ein "Pufferstaat" zwischen dem Nationalsozialismus und dem Künftigen gewesen sei. Der Berliner Bude, der am Hamburger Institut für Sozialforschung arbeitet, wirkt auch in die Politik hinein: Eine Gruppe jüngerer SPD-Bundestagsabgeordneter nannte ihre kürzlich gegründete Zeitschrift "Generation Berlin". Heinz Budes jüngstes Buch heißt "Die ironische Nation". Das Gespräch führte Hans Monath.

Sie haben den Begriff "Generation Berlin" geprägt. Mit dem Umzug der Regierung sollte eine neue Phase der Politik beginnen. Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?

Meine Erwartungen haben sich insofern erfüllt, als die Begriffe "Berliner Republik" und "Generation Berlin" dazu beigetragen haben, neue Handlungs- und Denkmöglichkeiten zu eröffnen. Die Leute sind auf der Suche nach Unterscheidungen, die den Raum des Politischen neu definieren können. Der Begriff der Scheinselbstständigkeit zum Beispiel beruht auf einer Unterscheidung zwischen normalen und nicht-normalen Arbeitsverhältnissen, die mit der wirklichen Welt der Arbeit nichts mehr zu tun hat.

Das heißt konkret für die Politik?

Die große Auseinandersetzung verläuft heute zwischen denen, die den Verlust von Bindungen beklagen, und jenen, die neue Handlungsmöglichkeiten schaffen wollen. Das ist die klassische Unterscheidung von Links und Rechts, aber sie spiegelt sich im deutschen Parteienwesen nicht wider. Für die Sozialdemokraten als linke Partei kommt alles darauf an, eine starke Idee von Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.

Der Aufbruchswillen der Deutschen, das zeigen alle Umfragen, ist nur sehr bedingt ausgeprägt.

Aber Kontinuität ist nicht ohne Bruch zu haben. Wir brauchen Vorschläge dafür, wie das Erbe der Bonner Republik ins Projekt der Berliner Republik eingearbeitet werden kann.

In der Gesellschaft, in der Politik?

In beiden Bereichen. Die Politik ist mir als Selbstausdruck der Gesellschaft wichtig. Als ich vorgeschlagen hatte, den Begriff "Generation Berlin" zu benutzen, wollte ich das Missverhältnis zwischen gesellschaftlicher Entwicklung und politischem Selbstausdruck zum Thema machen: Die Gesellschaft ist in Deutschland der Politik weit voraus.

Ist denn die liberale Idee, dass der Einzelne mehr Freiheit verantworten muss, in der deutschen Politik tatsächlich angekommen?

Eines ist doch angekommen: Die Einsicht, dass wir ein neues Schema von Selbstzurechnung und Selbstverantwortung brauchen - besonders in den Systemen der sozialen Sicherung. Das ist im Grunde bei allen Parteien Konsens. Das ist eine neue Entwicklung, die nur deshalb nicht als Durchbruch wahrgenommen wird, weil sich längst alle zu dieser Haltung bekennen. Jetzt geht es darum, was aus dieser Einsicht folgt. Wir haben eine neue Diskussion um soziale Gerechtigkeit, die mit dem Gefühl zusammenhängt, dass der Gründungskonsens von 1945 nicht mehr existiert. Die heute bestimmende Generation ist auf die Wiederaufbauverpflichtung nicht länger festzulegen. Der Konsens, der durch das Bewusstsein geschaffen wurde, dass alle in einem Boot saßen und die überstandene Katastrophe des Krieges bearbeiteten, ist aufgebraucht. Die Frage ist: Gibt es einen neuen Kitt, gibt es neue Konsensformen nach dieser Erfahrung? Das steht hinter der neuen Debatte über soziale Gerechtigkeit.

Aber die sozialdemokratisch geführte Regierung hat offenbar kein Konzept, mit dem sie diese Debatte steuern und voranbringen könnte.

Da hat sie einige Probleme. Ich glaube allerdings, dass die öffentliche Diskussion an den gesellschaftlichen Erfahrungen vorbeigeht. Die Frage der sozialen Gerechtigkeit wird allein als Problem der Verteilungsgerechtigkeit abgehandelt. Ich hoffe, die Sozialdemokraten finden aus dieser Falle einen Ausweg. Die Frage, wieviel demonstrierbaren Abstand wollen wir in der Gesellschaft erlauben, ist nicht das Grundproblem. Es gibt gesellschaftliche Gruppen, die einen neuen Begriff von Leistungsgerechtigkeit wollen. Dazu gehört die Generation Berlin, die auf andere berufsbiografische Erfahrungen zurückschaut und gelernt hat, auch unter Zwängen flexibel zu handeln. Das Dritte ist aber ganz wichtig: Was machen wir mit Menschen, die herausgefallen sind aus dem System der Arbeitsbeziehungen, die arbeitslos sind? Der Staat garantiert keinen sozialen Status, sondern ermöglicht einen Wiedereintritt. Der Kern der sozialdemokratischen Botschaft müsste die Ermöglichung von Wiedereintritt sein, nicht die Garantie des sozialen Status.

Schröder muss ja seine eigene Partei mitnehmen. Wieviel Aufbruch kann er der SPD zumuten, wieviel Besänftigung muss sein?

Man muss sich eines klar machen: Schröders Rede vor dem SPD-Parteitag wird die letzte große Rede eines sozialdemokratischen Parteivorsitzenden in diesem Jahrhundert sein. Da muss er sich natürlich auf die große Geschichte der deutschen Sozialdemokratie beziehen. Aber darin liegt die Chance, ein neues Konzept von sozialer Gerechtigkeit zu entwerfen. Es bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als aufzuräumen mit dem vermeintlichen Gegensatz von Modernität und Solidarität. Was soziale Gerechtigkeit in einer Welt neuer Möglichkeiten, aber auch anderer Risiken bedeutet, wollen die Leute von einem sozialdemokratischen Parteiführer und Regierungschef wissen.

Ein berühmter Soziologe hat geurteilt, die Sozialdemokratie sei durch ihre Erfolge überflüssig geworden.

Ralf Dahrendorf hat sich dabei in einem Punkt geirrt: Er hat zwar gesehen, dass die Besinnung auf das Thema der Freiheit die Voraussetzung für einen säkularen sozialen Wandel darstellt, aber ihm fehlte der Blick dafür, dass mit dem Thema der Gleichheit die Folgen dieses unübersichtlichen Wandels bearbeitet werden.

War Dahrendorfs Urteil aus einer Phase gesprochen, in der die Gesellschaft viel statischer war, und nun, da sie hoch dynamisch ist, werden die Unterschiede zwischen Oben und Unten größer?

So ist es, das bringt das Thema der Gleichheit wieder auf. Der liberale Schub der achtziger Jahre hat das private Leben durchdrungen und das öffentliche Vorstellungsvermögen geprägt. Aber das muss zusammengebracht werden mit überzeugenden Vorschlägen, wie das Gleichheitsproblem zu lösen ist. Das wird in der Tradition der deutschen Staatsgesellschaft anders gesehen als in der angelsächsischen Bürgergesellschaft. Da stehen die Sozialdemokraten vor einer großen Herausforderung.

Mit dem Übergang in die Berliner Republik, so hatten Sie erwartet, würde sich die Politik nicht mehr so stark an der Vergangenheit orientieren. Wenn man sich aber ansieht, welche Debatten Emotionen aufrühren, so geht es um Geschichte: Walser-Bubis-Debatte, Wehrmachtsausstellung. Spricht das nicht gegen Ihre Erwartung?

Ich habe die Schwerkraft der Sache unterschätzt. Berlin als politischem Raum fehlt Gegenwartsbewusstsein. Es wird sehr viel über Vergangenheit und sehr viel über Zukunft geredet. Aber was fehlt, ist der Sprung in die Gegenwart. Die ganz einfache philosophische Erkenntnis ist in der deutschen Politik noch nicht angekommen, die lautet: Zukunft wird in der Gegenwart gemacht. Das ist ein Grundproblem. Dabei gehört das Zukunftspathos der Politik und das Verhaftetsein in einem dunklen Vergangenheitsdickicht zusammen - der Wunsch, aus der Absage an den Nationalsozialismus würden sich richtige Antworten auf schwierige politische Fragen ergeben, ist komplementär zu der unklaren Beschwörung einer leuchtenden Zukunft. Tatsächlich geht es darum, für eine befristete Zeit Lösungen zu erarbeiten. Aber dafür gibt es kaum ein Bewusstsein.

Ist das eine Frage des Bewusstseins? Oder geht es auch um ein Bedürfnis nach Geschichte?

Es gibt einen sehr interessanten Prozess: Der Ost-West-Gegensatz ist reflexiv und ironisch geworden. Man konnte das in Büchern lesen, kann es jetzt in Filmen sehen. Zehn Jahre des Auseinanderentwickelns der beiden deutschen Gesellschaften haben nun dazu geführt, dass man einen ironischen Boden findet, auf dem man Geschichten austauschen kann und auf interessante Weise über Gegenwart redet. Weder hält man sich gegenseitig die unterschiedliche Vergangenheit vor, noch entwirft man eine künftige Idealwelt eines Deutschland mit gleichen Lebensverhältnissen, in dem alle Unterschiede aufgehoben sind.

Das Verhältnis zwischen Ex-DDR und Nach-Wende-Deutschland verträgt diese Ironisierung offensichtlich schon. Wann wird es einen deutschen Filmhelden Forrest Gump geben, der unschuldig und mit großen Augen durch den Nationalsozialismus stolpert, während wir darüber lachen?

Das wird nicht mehr so lange dauern. Die Jahrhundertwende wird auch für die Deutschen eine Zäsur in der Thematisierung ihrer Vergangenheit sein. Es wird immer mehr Generationen geben, für die das 20. Jahrhundert nicht mehr das eigene Orientierungssystem bildet. Ich selbst bin hoffnungslos ein 20.-Jahrhundert-Mensch, mein gesamtes Vokabular stammt daher. Aber es kommen neue Generationen einer anderen Zeit.

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