HAU : Der Lift in den Himmel

"Fressen oder Fliegen": Das HAU in Berlin sucht nach der Verbindung von Kunst, Theater und Performance.

Kolja Reichert

Kurz vor Mitternacht sitzt nur noch ein Liebespaar im großen Theatersaal, eng umschlungen, und lauscht dem Regen. Wie ein ewiger Schlussapplaus klingt das Prasseln der Tropfen, die auf der Leinwand platzen. Wo sonst Schauspieler und Bühnenbildner für die Erzeugung von Parallelwelten zuständig sind, brachte am Wochenende eine opulente Videoanimation von Thomas Demand die Grenze zwischen Realität und Künstlichkeit ins Fließen.

Berlin wird von der Kunst überrollt, und das HAU öffnet ihr seine Theaterhallen. Die Reihe "Fressen oder Fliegen" lotet in den kommenden zwei Wochen mit Installationen, Vorträgen und Performances das Verhältnis zwischen Darstellenden und Bildenden Künsten aus. In ihrer titelgebenden Installation über große Selbstmörder der Filmgeschichte machen Antje Ehmann und Harun Farocki Kinobilder zu Akteuren im Raum, und Christoph Schlingensief erhebt mit seinem "Stairlift to Heaven" den Besucher selbst zum Teil des Bildes. In einem Treppenlift kreuzt man die Projektion seines Namibia-Films "African Twintowers".

Gerade der Name Schlingensief erinnert daran, dass die Grenzüberschreitung zwischen den Künsten nicht neu ist. Performancekunst kommt bald ins Rentenalter, und das postdramatische Theater mit seinen multimedialen Reizfluten ist zur Zeit eher in Katerstimmung. Im HAU selbst sorgte 2005 Janet Cardiffs Videowalk "Ghost Machine" für Aufsehen, die den Besucher in einer Realität und Illusion verschränkenden Erzählung durch das alte Hebbeltheater führte. Im Vergleich damit können manche der jetzt gezeigten Arbeiten nur verlieren.

"So fährt sie in den Himmel" - mit einem Treppenlift

Doch schlägt das Aufeinanderprallen der Formen weiterhin spannende Funken. So wird sich Kunsttheoretiker Anselm Franke mit zwei Video-Lectures den sozialen und politischen Implikationen der für alle Künste zentralen Frage der Mimesis widmen. Einen besonders witzigen Fall von Mimesis zeigen indes Rimini Protokoll mit ihrem Bundestags-Trainer, der dazu einlädt, über Kopfhörer eingespielte Reden aus Parlamentsdebatten nachzusprechen. Hier ist nicht der Politiker die Stimme des Volkes, sondern umgekehrt.

Zur Eröffnung stemmte Hans Ulrich Obrist, Superkurator und größte Registriermaschine der internationalen Kunstszene, einen sechsstündigen Interviewmarathon. Da empfahl Douglas Gordon Museen als guten Ort zum Abschleppen, während Olafur Eliasson das Konzept Museum gleich für überholt erklärte. Irritierend gelangweilt sprach er noch über sein "Institut für Räumliche Experimente" und kündigte für Februar die Eröffnung einer Galerie in seinem Studio an. Christoph Schlingensief blieb es überlassen, die Show zu schmeißen und einen anrührenden Kommentar zum Tod zu landen. Inspiriert hat den Künstler der Treppenlift seiner Mutter.

"So fährt sie in den Himmel", stellt er sich vor, und wünscht sich das gleiche für sich: nach dem Tod als Beobachter erhalten zu bleiben, der mit einem Fernglas von seinem Treppenlift herunter den neuen James-Bond-Film im Kino sieht.

Bis 16. November. Programm unter www.hebbel-am-ufer.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben