Kultur : Hau rein, hau drauf, hau weg!

Das Programm des neuen Berliner Theaters Hebbel am Ufer

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Es kommt Bewegung in die Berliner Theaterlandschaft. Gestern stellte Matthias Lilienthal, der künstlerische Leiter des „Hebbel am Ufer“, sein Programm vor. Und wenn sich nur zehn Prozent dessen erfolgreich realisieren, was er sich für seine erste Spielzeit vorgenommen hat, dann wird der neue Theaterkomplex mächtig einschlagen.

Lustiggewöhnungsbedürftig ist die corporate identity der vereinigten Kreuzberger Off-Bühnen. Hebbel-Theater, Theater am Halleschen Ufer und das (kleine) Theater am Ufer firmieren nun als Hau eins, Hau zwei und Hau drei. Das klingt nach Draufschlagen und ist auch so gemeint: Die Plakate zeigen jugendliche Neuköllner Boxer mit Blessuren im Gesicht. Und so spannt Lilienthal den Bogen – zwischen New York und Neukölln, Moskau und Rio. Die Lilienthal–Bühnen wollen Party und Plattform sein, Berliner Szene-Treff und internationales Forum.

Beim „Hebbel am Ufer“ – die Anfangsbuchstaben ergeben jenes schlagfertige Hau – handelt es sich tatsächlich um eine „veritable Theaterneugründung“, wie Lilienthal, der frühere Volksbühnen-Chefdramaturg und Leiter des „Theaters der Welt 2002“, mit einigem Stolz bemerkte. Der Jahresetat beträgt 4, 3 Millionen Euro und entspricht der finanziellen Ausstattung des alten Hertlingschen Hebbel-Theaters. Man hofft jetzt auf Mittel der Bundeskulturstiftung und aus dem Hauptstadtkulturfonds. Anders als die Vorgängerin plant Lilienthal bei Gastspielen längere Laufzeiten, das wirklich Neue aber ist die Idee des open house – und die schockhaft hohe Schlagzahl. 70 Vorstellungen im ersten Monat, 100 Premieren in der ersten Spielzeit: Das macht Eindruck.

Das lange Eröffnungswochenende (31. 10. bis 2. 11.) steht unter dem Motto „Kunst & Verbrechen“ und ist stark russisch gefärbt. Es beginnt mit krimineller Energie: Vadim Zakharov richtet öffentlich eine Madeleine hin, jenes berühmte Proust’sche Backwerk. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und Kultursenator Thomas Flierl werden sprechen, auch Christoph Schlingensief und die Rockband Leningrad aus St. Petersburg haben sich angesagt. Und man kann bei Elena Kovylina einen virtuellen Auftragsmord bestellen. Tickets gibt es ab sechs Euro.

Das Programm sprengt jeden Rahmen: Aus New York kommt Richard Maxwell mit „Caveman“ und Shakespeares „Henry IV“, Hollandia zeigt den „Fall der Götter“, die Hausregisseure vom Rimini Projekt planen diverse Stadt-Inszenierungen. Ein „No Name Festival“ versammelt Dutzende von freien Theaterarbeiten, Constanza Macras bringt ihr neues „Scratch Neukölln“ heraus. Der Februar 2004 wird ganz im Zeichen des Tanzes stehen. Die Räume in Mitte seien inzwischen zugestellt, sagte Lilienthal, er sieht in Kreuzberg neue, weite Felder für sein Theater, das sich durch ein Paradox auszuzeichnen scheint: Riesenvielfalt, aber auch eine gewisse konzeptionelle Strenge. R. S.

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