Kultur : Haue statt Harfe

Halbzeit in Oberammergau: Christian Stückl inszeniert „König David“ als blutiges Spektakel

Mirko Weber

„Halleluja“ von Lucky Jim im Autoradio, als es von Oberau hinauf in die Berge geht. Seltsam: Das spielen sie nicht oft. Der Song ist zu lang, der Text anspielungsreich und Indie und Altes Testament gehen halt doch selten auf einen Nenner. Dabei zählt die Geschichte mit der Harfe neben der vom Kampf gegen Goliath noch zu den bekannteren, wenn es in der Bibel um David geht, den Sohn des Isais, dem der Vater einen Esel mitgibt, Brot, einen Schlauch Wein und einen Ziegenbock. Und dann steht der Bub vor Saul, wenn „der böse Geist von Gott“ über diesen kommt, und stellt mit einer Hand wieder Harmonie her, einfach so. Und das gefällt Saul, und es gefällt dem Herrn, und es hat – erstmal nur als Idee – auch dem Regisseur Christian Stückl gefallen, dass man nicht immer nur die Passion Jesu Christi auf die Bühne bringen muss, wenn es wieder Zeit dafür ist in Oberammergau; das wäre nächstens in fünf Jahren gewesen.

Jedes Jahrzehnt einmal, so haben es die Oberammergauer 1633 gelobt, würden sie die Passion geben, wenn nur die Pest sie verschonte, und seitdem spielen sie Theater. Normalerweise steht das halbe Dorf auf der Bühne. Diesmal muss nur jeder Dreizehnte auftreten, aber es reicht allemal, um machtvoll die Stämme Israels zu verkörpern – und deren Feinde, versteht sich. Kommt hinzu, dass Christian Stückl spürbar wieder daheim ist, wie er mit flatterndem weißem Hemd über der schwarzen Jeans um das Passionshaus hetzt, immer bei der Arbeit und dabei Dampfwolken hinter sich lassend. Selbst die dreißig Minuten Pause ruft er selber aus; „König David“ beginnt am hellen Abend und endet gegen Mitternacht.

Stückl war Ende der Achtzigerjahre der jüngste Spielleiter aller Zeiten hier in Oberammergau, gerade mal 26 Jahre alt. Gerade weil er Bildhauer gelernt hatte und wusste, wie man für die Ewigkeit schnitzt, wollte Stückl auf keinen Fall, dass seine Figuren hölzern in der Gegend herumstünden. Beim „König David“, der vor hundert Jahren im Rahmen der so genannten „Kreuzschule“ das letzte Mal als Überbrücker auf die Passion hin gespielt worden ist, bewegen sich die Massen mit einer Selbstverständlichkeit, die meistenteils nicht merken lässt, dass hier minutiös geplant worden ist, denn anders geht es nicht mit hunderten von Leuten.

Mittlerweile ist aus Stückl selbst ein Chef geworden. Höchst erfolgreich hat er in den letzten zwei Jahren das Münchner Volkstheater umgekrempelt, wo jetzt auf einmal wieder junge Leute sitzen, ja, halbe Schulklassen, und tatsächlich denken, dass sie da rein gehören. Schließlich war es auch Stückl, der vor zwei Jahren in Salzburg beim „Jedermann“ dafür gesorgt hat, dass der knittelversige Hofmannsthal nicht mehr nach Papier klang, sondern wie frisch gedruckt. Trotzdem sind die Salzburger Festspiele nicht Stückls Welt gewesen.

In Oberammergau geht es normaler zu. Die Leute klatschen mit den Händen und rasseln nicht mit Juwelen. Und was noch wichtiger ist: Man kann ihnen mit einfachen Dingen eine Freude machen. Heiterkeit macht sich im 2000 Menschen fassenden Haus breit, als David (Martin Schuster), der sich selbst nicht zu Unrecht als „Mücke vor dem Herrn“ bezeichnet, den schwarz geschminkten Goliath hinter einem Felsenstein das Haupt abschlägt und das dann präsentiert wie Herodes den Kopf des Jochanaan. Den heiligen Ernst der Handlung lässt Stückl ungeschoren (und eigentlich auch weitgehend unkommentiert), nutzt aber andererseits jede Möglichkeit zu zeigen, dass es im Umfeld von Saul weniger auf die Harfe als auf die Haue ankommt. Mit reichlich fließendem Blut jedenfalls ist Stückl auf du.

Sein Vater Peter im Übrigen spielt den Saul: mit mächtigem Bartkinn und anlassgemäß oft schreckgeweiteten Augen, denn wo die Oberammergauer Passion naturgemäß der Einfachheit von Pasolinis Bibel-Verfilmung näher ist, trägt der „König David“ Züge von Tarantino. Es liegt dann nicht wenig an der Musik und den Chören von Markus Zwink, pendelnd zwischen Bernsteins „Chichester Psalms“ und kleineren, klezmerverwehten Oden an die (himmlische) Freude, dass der lange Abend trotz mancher rhetorischen Ecke und Kante insgesamt etwas Rundes, Vitales, Bezwingendes hat. Stückls Volkstheater, das mit ein bisschen Fackellicht hinter und vor drei Olivenbäumen im rotem Sand auskommt, endet erst, als der Mond schon hoch über Oberammergau steht, und es endet standesgemäß: mit einem „Halleluja“.

Die nächsten Vorstellungen sind am 29. und 30. Juli, am 5. und 6. August und am 12. und 13. August, jeweils 20.30 Uhr. Weitere Informationen: www.oberammergau.de

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