Hauptbahnhof : Laut & Luise

Resonanzraum Körper: „Sounding D“ in Berlin.

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Im Hauptbahnhof steht ein Zug, der nicht abfährt. Drinnen baumeln Kopfhörermuscheln von der Decke. Bügel haben sie nicht, man muss sie sich ans Ohr halten. Das ist unbequem, die Arme werden schnell schwer – doch das ist Absicht: Wer sich die Mühe macht, der hört anders, nachhaltiger. Ein Abteil weiter das gleiche Konzept: Man muss die Ellenbogen auf zwei in die Lehnen integrierte Schallpunkte lagern, den Oberkörper nach vorne beugen und die Hände hinterm Kopf verschränken. Die Schallwellen fließen über die Knochen zum Ohr, der ganze Körper wird zum Resonanzraum, die totale Konzentration auf die Klänge stellt sich automatisch ein. Was man hört: Fragmente von Schlüsselwerken Neuer Musik, deren Charakter sich wiederum verändert durch Alltagsgeräusche aus jenen Städten, in denen der Zug hält.

Die Netzwerke „Neue Musik“ und „Ohrenstrand“, die Zeitgenössische Oper Berlin, der Klangkünstler Robin Minard, der den Zug gestaltet hat, sie alle wollen, dass wirklich zugehört wird, dass Neue Musik herauskommt aus ihrer Nische, die auch ein Ghetto ist. Deshalb präsentieren sie am Donnerstag mit „Sounding D“ einen ganzen Tag lang mitten im Hauptbahnhof zeitgenössische Kompositionen, darunter György Ligetis Kurzoper „Nouvelles Aventures“. Die Bilanz ist positiv: Erstaunlich viele Menschen, die eigentlich ihren Zug erreichen wollen, haben dann doch Zeit, um stehen zu bleiben und zuzuhören. Die Wahrnehmung des Bahnhofs selbst verändert sich, plötzlich ist geschärfte Sensibilität da für den Dreiklang, mit dem die Deutsche Bahn ihre Ansagen ankündigt, für die Pfeife des Schaffners.

Abends in der Akademie der Künste am Pariser Platz dann eine erneute Anstrengung. Die Besucher müssen sich ihre Plätze im Treppenhaus selbst erobern, auch das erhöht die Aufmerksamkeit für das Gehörte. Roland Kluttig und das Kammerensemble Neue Musik führen mit dutzenden Laienflötisten und -saxofonisten Sciarrinos „Studi per l’intonazione del mare“ auf, bevor sie ins Konzerthaus wechseln. Manches Detail geht akustisch verloren, doch die Körperlichkeit von Musik ist auch hier ganz unmittelbar anwesend.

Bis 5. September gibt es Neue Musik im Hauptbahnhof. Infos: www.ohrenstrand.de

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