Kultur : Hauptdirektive Groove

WOLF KAMPMANN

Er wechselt die musikalischen Facetten wie andere die Frühstücksmarmelade.Zwar arbeitet der New Yorker Komponist und Multiinstrumentalist Elliott Sharp seit zwei Jahrzehnten unter wechselnden Vorzeichen mit der Jazzcore-Band Carbon zusammen, doch kennt man ihn auch aus dem Folk-Kontext mit Mofungo, als Techno-Tüftler mit Tectonics, als Blues-Crusty mit der akustischen Combo Terraplane, als Solo-Artist oder Orchester-Leiter, als Nachlaßverwalter der New Yorker Avantgarde oder gewitzten Produzenten, als scharfsinnigen politischen Kommentator wie als uneigennützigen Förderer von Nachwuchskünstlern.Gerade erst vor einigen Wochen gab er mit den Gitarristen Vernon Reid und David Torn unter dem Logo Guitar Obligue die Antwort der Neunziger auf "Friday Night In San Francisco".Es mag den Anschein haben, daß Sharp mit der unüberschaubaren Fülle seiner Projekte zuweilen dem eigenen Erfolg im Weg steht, doch was immer er in die Hand nimmt, ist von pedantischer Sorgfalt gekennzeichnet.

Als jugendlicher Revoluzzer schmiß Sharp zum Entsetzen seiner Eltern die vielversprechende Karriere eines Naturwissenschaftlers, um fortan in die endlosen Gründe der Musik abzutauchen.Doch mathematische Präzision und die Lust an der Bewältigung schier unlösbarer Probleme sollten auch für seine künstlerische Laufbahn zu entscheidenden Motoren werden.Nicht selten trugen seine Kompositionen die Bezeichungen von Molekülen oder komplizierten Formeln.Der Name seiner Band Carbon symbolisiert zum Beispiel die unendlichen Schöpfungspotenzen des Elements Kohlenstoff.Sharp, stets in Schwarz gekleidet, versteht sich als Baustein des Universums, der umso organischer im Makrokosmos der Systeme aufgeht, je besser er sich ihrer Funktionsweisen bewußt wird.Kunst ist für ihn in letzter Konsequenz Aneignung von Natur.Würde er sich jedoch darauf beschränken, physikalische oder chemische Prinzipien in Töne zu übersetzen, wäre sein Ruf kaum über sein düsteres New Yorker Downtown-Appartment, das früher von Jack Kerouac bewohnt wurde, hinausgedrungen.

Sharp ist kein trockener Strukturalist.Jimi Hendrix bedeutet ihm ebenso viel wie Edgar Varese, und oft genug geht die pure Leidenschaft mit ihm durch.Den Spaß, den er selbst an seiner Musik haben will, billigt er auch seinem Publikum zu.Kunst mag noch so anspruchsvoll sein, wenn sie nicht auch unterhaltsam ist, verliert sie für den mit Gitarren, Saxophonen, Klarinetten und Computern bewaffneten Klang-Guerillero jeglichen Sinn.Bei aller Liebe zur Provokation weiß er ganz genau, daß nur anregt, was gefällt.Von der New Yorker Presse weitgehend ignoriert, wird Elliott Sharp in Europa als Innovator ersten Ranges geschätzt.

Wenn er jetzt das ursprünglich für die Orchester-Konstellation von Carbon geschriebene Stück "SyndaKit" mit dem Ensemble Zeitkratzer in Berlin aufführt, läßt er abermals die Moleküle tanzen.Das großangelegte Werk besteht aus 144 komponierten Teilen und einer Reihe einfacher Instruktionen, mittels derer die Interpreten Manipulationen an dem Material vornehmen können."Es basiert", so Sharp, "auf den Aktivitäten von Vogelschwärmen, afrikanischen Trommelgruppen und rekombinierbaren Aminosäuren.Jeder Spieler ist in der Lage, eine Aktion zu initiieren, die von den anderen aufgefangen, imitiert, mutiert, verstärkt oder geschichtet wird.Die Hauptdirektive ist Groove." Der Titel stehe sowohl für Synthese als auch für Syndikat, verbindet also ein Prinzip mit einer Körperschaft.Sharp bleibt seinen Maximen treu."SyndaKit" ist seine vorläufige musikalische Quintessenz.Es gehört zu den spannendsten, dichtesten und komplexesten Stücken, die man von dem Komponisten mit den tausend Seiten in den letzten Jahren gehört hat.Für ihn selbst kann es nur wieder Ausgangspunkt für weitere Exkurse in seinem Soundlabor sein.

Morgen, 21 Uhr, Podewil

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