Kultur : Hauptsache cool

Auf Schritt und Trip: Jan Kounens psychedelischer Western „Blueberry“

Julian Hanich

In diesem Film gibt es: Revolverhelden, Indianer, Goldsucher, Saloonprügeleien, Rachefantasien, Wüstensettings und Sergio-Leone-Nahaufnahmen. Allerdings kommen auch vor: Schamanen, esoterisches Geraune und wirre Drogenvisionen mit Fegefeuern, in denen Schlangen, Aliens und andere computergenerierte Monster einen auf Schritt und Trip verfolgen. Mit anderen Worten: Nach „Open Range“ und „The Missing“ geht das Western-Revival fröhlich weiter. Doch anders als seine amerikanischen Vorgänger versucht der französische Nachzügler „Blueberry“ – der auf der gleichnamigen Comic-Vorlage basiert (siehe Link am Ende des Artikels) –, das Genre in eine ungewohnte Richtung zu drängen: den psychedelischen Comicwestern.

Mehrere Jahre lang war der 40-jährige Regisseur Jan Kounen, der 1997 mit dem ultrabrutalen Film „Dobermann“ debütiert hatte, mit diesem Projekt beschäftigt. Das Ergebnis legt die Vermutung nahe, dass der Großteil der Zeit nicht in die Arbeit am Drehbuch geflossen ist. So packend der Film auch beginnt, am Ende zerfleddert das Script wie ein wassergetränktes Stück Papier im verebbenden Handlungsfluss.

Stattdessen scheint viel Energie auf die punktgenaue Besetzung verwendet worden zu sein. Ernest Borgnine, der alte Sam-Peckinpah-Recke, kämpft sich als rüstiger Sheriff im Rollstuhl durch den Wüstensand. Juliette Lewis singt für die boys in the backroom den Klassiker „Danny Boy“ – und würde beim Starsearch für die Marlene-Dietrich-Nachfolge prompt in der ersten Runde rausfliegen. Eddie Izzard chargiert sich einen preußischen Ingenieur mit Nickelbrille zusammen, bei dem sich die französischen Filmemacher nicht verkneifen konnten, ihm den Namen Prosit zu verpassen. Und als Höhepunkt das Duell der beiden hypercoolen Hauptdarsteller: Michael Madsen spielt mit Faltenstirn, hochgezogenen Augenbrauen und Schmirgelpapier-Stimme seinen seit „Reservoir Dogs“ beliebten Mr.-Blonde-Charme aus – hier heißt er anspielungsreich Mr. Blount. Und Vincent Cassel als Marshall Mike Blueberry ist schmallippiger, kantengesichtiger und wettergegerbter als alle Westernhelden vor und nach Clint Eastwood zusammen.

Wichtiger noch als das Casting muss für Jan Kounen allerdings das visuelle Bombardement gewesen sein. Mehrfachbelichtungen, radikale Drauf- und Untersichten, Zooms und Zeitraffer, nervöse Kameraschwenks, Hubschrauberflüge durch grandiose Naturkulissen und Legionen von Computereffekten verdichten sich zu einem für das Genre untypischen Überfluss-Kino. Am Ende erinnert der Film an eine Mixtur aus „Natural Born Killers“ und dem Zeit-Tunnel in Kubricks „Odyssee 2001“.

Wenn der Italowestern (im besten Fall) große Oper und der Germanowestern (im schlimmsten Fall) ein schlechter Karl-May-Roman war, dann gehört dieser Francowestern zur Gattung des LSD-inspirierten Videoclips. „Willkommen in der anderen Welt“ lautet der letzte Satz des Films. An diesem Punkt ist das, was als Western begann, längst in andere Sphären abgedriftet und hat sich im Bilderrausch verflüchtigt.

Kino in der Kulturbrauerei, Kosmos, OmU im Cinestar Sony Center

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