Kultur : Hauptsache Frieden

RICHARD HERZINGER

Eine Woche zwischen Hoffen und Bangen: Wenn die Moderatoren in den Fernsehnachrichten ankündigten, der so sehr ersehnte Frieden rücke immer näher, legte sich ein seliges Leuchten und Glänzen auf ihr Gesicht - gerade so, als hätten sie soeben die frohe Botschaft von der bevorstehenden Erlösung der Menschheit vernommen. Sorgenvoll bebten dagegen die Stimmen, wenn sich die Unterzeichnung des Militärabkommens über den serbischen Truppenabzug wieder einmal verzögerte, die G 8-Verhandlungen in unvorhergesehene Verlängerungsrunden gingen, die Chinesen Nachbesserungen am Entwurf der Sicherheitsresolution verlangten und dabei düster dreinblickend mit dem Veto rasselten.

Nachdem Milosevic und das serbische Parlament gegenüber den Unterhändlern Ahtisaari und Tschernomyrdin die Bedingungen für den Waffenstillstand abgenickt hatten, leisteten sich die Europäer schon einen voreiligen Freudentaumel. Ein Sieg der Diplomatie über die Gewalt, hieß es, noch dazu ein europäischer. Mißbilligend wurde die miesepetrige Skepsis der Amerikaner zur Kenntnis genommen. So sei das eben, war der Tenor manchen politischen Kommentars: die Amerikaner sind für den Krieg verantwortlich, die Europäer aber für den Frieden. Günter Grass suggerierte in einer Stellungnahme Anfang letzter Woche sogar, hätte der - von ihm grundsätzlich gutgeheißene - Nato-Luftkrieg unter europäischem Oberkommando gestanden, wäre es nie zu so vielen Fehlschüssen auf die Zivilbevölkerung gekommen. Schon bald freilich, als Milosevic seine gewohnten Verschleppungsrituale praktizierte und klar wurde, daß die Amerikaner als einzige einigermaßen kühlen Realitätssinn bewahrt hatten, wurden diese überheblichen Töne wieder leiser.

Während alle Augen gebannt auf die Verhandlungskünste der Diplomaten gerichtet waren, nutzte die serbische Armee die Verzögerungen, um den Vertreibungsterror fortzusetzen und gleichzeitig so weit wie möglich die Spuren ihrer Untaten zu verwischen. Das geriet im heftigen Friedenssehnen jedoch zur Nebensache. Frieden! Endlich! Und wer könnte auch nicht darüber froh sein, daß das Morden und Bomben, zumindest fürs erste, ein Ende hat. Das erreichte Abkommen scheint zudem in seinen Grundzügen solide und konsequent zu sein; der vielfach befürchtete faule Kompromiß mit dem als Kriegsverbrecher angeklagten serbischen Präsidenten ist es jedenfalls nicht geworden. Die Kassandrarufer unterschiedlicher Couleur haben nicht recht behalten. Aber auch für die Befürworter des Nato-Einsatzes bietet sich kein Anlaß zu Triumphgefühlen. Mit dem Einmarsch der KFOR-Truppen ins Kosovo beginnt erst die Feststellung des ganzen Ausmaßes der Zerstörungen und Massaker, die von der serbischen Soldateska angerichtet worden sind, und die der Westen nicht verhindern konnte. Aber auch die Opfer der Luftangriffe müssen gezählt werden. Es liegt im ureigensten Interesse der demokratischen Öffentlichkeit, volle Aufklärung über die Einzelheiten des militärischen Vorgehens und die Fehlleistungen der Nato zu verlangen.

Angesichts dieser uns bevorstehenden Bilanz mußte die Friedenseuphorie, die sich Ende letzter Woche breitmachte, regelrecht makaber wirken. Aus den Reihen deutscher Politiker konnte man vernehmen, dies sei nun hoffentlich der endgültig letzte Krieg in Europa gewesen. Der Krieg, der alle Kriege beendet? Das hat man uns nun wahrlich schon zu oft versprochen. Die westlichen Politiker klopften sich noch voller Stolz selbst auf die Schultern, Bundeskanzler Schröder hatte gerade in höchsten Tönen die verantwortungsvolle Haltung des russischen Präsidenten Jelzin gepriesen, da gab es die erste böse Überraschung. Ohne Absprache mit der Nato rückten russische Truppen über Serbien in das Kosovo ein (ironischerweise ohne Mandatierung der UNO, auf deren Oberaufsicht die offizielle russische Propaganda doch so vehement pocht) und wurden von der dortigen serbischen Bevölkerung wie Befreier gefeiert. Der bestürzten westlichen Allianz bot sich das Schauspiel einer russischen Regierung, die mit verschiedenen Zungen redet. Verwirrspiel gegenüber dem Westen oder Ausdruck interner Machtkämpfe? Unklar bleibt, ob die Russen in Absprache mit dem jugoslawischen Regime einen eigenen Sektor errichten wollen. Das liefe auf die Teilung des Kosovo und die Erfüllung des geheimen Kriegsziels Milosevics hinaus. So erzeugt das Kriegsende unvorhergesehene Bumerangeffekte: Gelingt es nicht, sie in eine gemeinsame Kommandostruktur einzubinden, agieren zum erstenmal seit dem Ende des Kalten Kriegs wieder russische Truppen selbständig in Mitteleuropa. Angesichts der Gefahr, daß in Rußland demnächst Extremisten an die Macht gelangen könnten, ein alles andere als beruhigender Gedanke.

Nicht nur Raffinesse und Durchhaltevermögen Milosevics sind von westlichem Wunschdenken unterschätzt worden. Auf der Suche nach einem möglichst harmonischen Ausweg aus dem Krieg wurde Rußland von den Westeuropäern, vorneweg von den Deutschen, zum ehrlichen Makler und Hoffnungsträger eines stabilen Friedens idealisiert. Dabei wurde nicht nur verdrängt, daß die Russen in diesem Konflikt keineswegs neutral waren, sondern de facto als Anwalt der Serben agierten. Es war auch längst in Vergessenheit geraten, daß Rußland - unter Führung Jelzins - noch vor wenigen Jahren in Tschetschenien selbst horrende Massaker unter der Zivilbevölkerung angerichtet hat. Damals freilich gestützt auf großzügige westliche Kredite. Gar nicht auf der Rechnung hatte man die Chinesen, die dem serbischen Regime in postkommunistischer Solidarität verbunden sind und jetzt die potentielle antiwestliche Achse Belgrad-Moskau-Peking vervollständigen.

Je länger der Konflikt dauerte, umso deutlicher wurde, daß moderne westliche Demokratien die quälenden moralischen Dilemmata kriegerischer Auseinandersetzungen nicht lange aushalten können. Um ihn überhaupt so lange durchzuhalten, mußte der Krieg möglichst abstrakt bleiben, also in sicherer Entfernung aus der Luft geführt werden; man mußte sich auch einreden, der Einbruch der Gewalt sei nur ein vorübergehender Betriebsunfall auf dem Weg in eine befriedete Welt. So fällt heute die Einsicht schwer, daß Milosevic kein böses Fossil aus einer schlimmen Vorgeschichte ist, sondern eine nur allzu virulente destruktive Energie repräsentiert. Jetzt läßt er sich als Vorkämpfer einer Erhebung der Völker gegen die "unilaterale Weltordnung", sprich: gegen die vermeintliche US-Weltherrschaft feiern. Und die Reaktionen der serbischen Öffentlichkeit machen keineswegs den Eindruck, als habe man es hier mit einem verzweifelten Volk von Verlierern zu tun, das gewillt wäre, seinen Führer an das Haager Menschenrechtstribunal auszuliefern.

Die Nato hat zwar militärisch gesiegt, doch es ist ein weiterer paradoxer Effekt ihres Erfolgs, daß sie wohl kaum so bald wieder zu einer solchen Anstrengung wie dem Kosovo-Krieg fähig sein wird. Daß die westlichen Gesellschaften Krieg eigentlich nicht ertragen können, ehrt sie, ist aber auch ihre Achillesferse. Zu sehr war die deutsche Öffentlichkeit mit der Selbstreflexion ihrer eigenen Moralität beschäftigt, als daß ihr das Bedrohungspotential, für das Milosevic steht, hinreichend bewußt werden konnte: eine brisante Mischung aus nationalkommunistischem Machtapparat und mafiöser Gangster-Clanstruktur. So gerieten aber schließlich auch die eigenen moralischen Maßstäbe durcheinander. Es hieß, der Westen unterminiere mit seiner Intervention das Völkerrecht. Das selbständige Handeln der Nato war aber unausweichlich, weil Rußland und China eine Resolution des Sicherheitsrats gegen das Treiben Milosevics verweigerten. Im Effekt hat der Krieg das Völkerrecht aber eher gefestigt. Er zwang Russen und Chinesen in die Verantwortung. Jetzt aber stellen sie sich als Wahrer des Gewaltmonopols der Vereinten Nationen dar. Dabei haben sie bis heute die Vertreibungspolitik im Kosovo mit keinem Wort verurteilt. Und China, das selbst zu den weltweit exzessivsten Menschenrechtsverletzern zählt, redet jetzt indirekt auch in europäischen Angelegenheiten mit. Das Ende des Kosovo-Kriegs hat nicht den ewigen Frieden eingeläutet. Es hat neue, konfliktträchtige weltpolitische Konstellationen hervorgebracht.

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