Kultur : Hauptsache, Wagner im Wald Barenboim und sein

west-östliches Orchester

Christiane Tewinkel

Vielleicht hatten die Leute noch genügend mit Olympia zu tun. Vielleicht hat sie das Wetter abgeschreckt; in der Waldbühne sitzt man nicht gern, wenn es regnet. Vielleicht die Preise: Unter vierzig Euro waren Karten für das Konzert mit Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra nicht zu haben, auch wenn ein Teil des Erlöses einem Kammermusiksaal in Ramallah zugutekommt. Die Waldbühne ist also nur zur Hälfte gefüllt, die Stimmung kommt trotz des hochfestlichen Bildes auf der Bühne nicht in Schwung. Oder gerade deswegen?

Schließlich zeugt es von Mut, ein seriöses Konzertprogramm in einem Freilichttheater zu realisieren, sich nicht auf die Atmosphäre einzulassen, die normalerweise programmatische Anpassungen erzeugt – halbseidene Ware zumeist, populäre Stücke, Mitsingmusik. Stattdessen gibt das Orchester zunächst Mozarts Konzert für drei Klaviere, 1776 geschrieben für Mutter und Töchter der gräflichen Familie Lodron, deswegen technisch zwar nicht so anspruchsvoll wie andere Stücke, aber dennoch reinster Mozart, gefällig im Ton, heiter in der Anmutung.

Barenboim übernimmt an einem Flügel, den Rücken zum Publikum, die Arme weit ausgestreckt, wenn es darum geht, sein israelisch-palästinensisch-arabischspanisches Orchester zu motivieren. Innen sitzen die israelische Pianistin Yael Kareth und der Jordanier Karim Said an ihren Instrumenten. Es tönt so mittelgut, was aber auch an der elektronischen Verstärkung liegt: die Klaviere klimperig, die Geigen wie aus Stroh. Lange wirkt die Szenerie wie die Probe eines guten Orchesters, bei der ein paar Leute zuhören dürfen. Pause nach gut zwanzig Minuten, dann der erste Akt von Richard Wagners „Walküre“.

Es ist eine kuriose Stückewahl. Tatsächlich will die wuchtige Szene, in der der erschöpfte Siegmund im Hause seiner Zwillingsschwester Sieglinde einkehrt, nicht zur schmiegsamen MozartEinleitung passen. Sowieso ist es problematisch, Opern konzertant aufzuführen, selbst mit Stars wie der in herrliche Höhen ausschweifenden Waltraud Meier, Simon O’Neill mit seinem prächtigen Tenor und René Pape, dem als Ehemann Hunding von Anfang an Irritierten. Die drei stehen an der Rampe und adeln die Aufführung. Auch Barenboim ist die Erfahrung mit dieser Musik anzumerken; er meißelt die Leitmotive heraus, dass es eine musikpädagogische beziehungsweise operndramatische Lust ist, und das Orchester zieht nach, wie es nur kann.

Und doch fragt man sich, wie weit es gekommen ist mit dem 1999 von Barenboim und dem palästinenischen Literaturwissenschaftler Edward Said gegründeten Ensemble. Wenn die Vermarktung so überblasen ist – fünf Euro kostet allein das dünne Programmheft. Wenn Stückewahl und Aufführungsort so wenig stimmig sind. Wenn das Repertoire so plakativ nach Politik schreit: Hauptsache Wagner. Wegen des ungeschriebenen Wagner-Verbots in Israel. Dass Nachfahren der Menschen, die einst zu dessen Musik in die Gaskammer geführt wurden, diese nicht hören wollen, sei verständlich, hat Barenboim einmal gesagt. Denjenigen aber, deren Gedankenwelt von solchen Assoziationen unbeeinträchtigt sei, dürfe man sie nicht vorenthalten.

Noch in der Zugabe wird also Wagner klingen, das „Meistersinger“-Vorspiel. Dass der politische Impetus des Orchesters mit solchen Entscheidungen bis zum Leerlauf ausgestellt wird, kann, ja darf man nicht kritisieren. Ob es der musikalischen Wahrheitsfindung dient, dem Lernen eines Ensembles, das letztlich nur wenig ausrichten kann bei der Konfliktlage im Nahen Osten – auch darauf weist Barenboim immer wieder hin –, wäre dennoch zu fragen. Christiane Tewinkel

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