Hauptstadt-HipHop : Phrasendrescher oder Charakterkopf?

HipHop muss nicht immer Gangster-Rap sein. Mit dem Soloalbum "In Wirklichkeit Träumer" von Gauner soll es nun die Runde machen: Berliner HipHop geht auch mit Sinnfülle und ohne "Hey Yo". Von Saskia Weneit

Der 32-jährige Ostberliner, der kein Image will sondern Authentizität, nennt sich "Rapper und Poet". Zugegeben eine ungewöhnliche Kombination. Gauner steht mit seiner Musik und seinen Poetry-Slam-Auftritten vorrangig für eines: den gelungenen Bruch im HipHop-Klischee.

Mutet es auch manchmal pathethisch an, wenn sich Gauner eine bessere Welt erträumt, ist das Album dafür alles andere als oberflächlich. Nach dem selbstbewussten Intro der Platte drängt sich zwar noch die Frage auf: Ist das die Selbstüberschätzung eines geschickten Phrasendreschers oder das Bekenntnis eines gewachsenen Charakterkopfes? Doch schnell wird klar: Seine Musik motiviert nicht zum ausschließlichen Powackeln, sondern zum Zuhören und rhythmischen Kopfnicken. Hier hat jemand sich und die Gesellschaft sehr genau beobachtet, sich Zeit genommen zur Reflektion und sein Fazit in ein 70-minütiges Album gesteckt: "Wir leben in einer komischen Welt", meint Gauner. Veränderung heißt die Botschaft.

Berliner Rap-Urgestein ohne Gangster-Attitüde

Ob versehen mit zurückhaltenden Beats, ein wenig Gitarre und Kriegslärm im Hintergrund wie bei "Helden?!" oder kraftvoll mit Piano wie in dem grandiosen Track "Vom Fischer und seiner Frau": Gauner schafft es, seine Themen wie Rassismus, das seelenlose Musikgeschäft oder den eigenen Alltag in raffinierte und ausdrucksstarke Texte zu packen. Auf den Punkt und mit einstweiliger Ironie gelingt ihm der verbale Spiegel, wenn auch ab und an die melodiöse Vielfalt fehlt.

Gauner ist kein schneller Schreiber, gut drei Jahre Textarbeit stecken in dem Album. "Inzwischen sehe ich es als meine Stärke an, intensiv an einem Stück zu arbeiten, bis das Ergebnis wirklich gut ist. Mal eben einen Text runterschreiben und aufnehmen kann ich nicht". Unausgereifte Texte sind ihm ein Gräuel. "Ich habe gemerkt, dass in meiner Langsamkeit auch eine Achtsamkeit liegt, ich reflektiere viel. Und das dauert eben", sagt Gauner. Aufgenommen war das Album dann aber ziemlich fix, nach vier Monaten im Studio war die Platte fertig. Applaus verdient er auch für seinen Song "Karlshorst" und den Beweis, dass nicht jeder HipHopper mit pseudogefährlicher Attitüde von der schlimmen Kindheit erzählen muss.

Mission: Wachrütteln zur Weltrettung

Gauner ist kein unbeschriebenes Blatt in der Hauptstadt. Selbst bezeichnet er sich als einen der am längsten aktiven Rapper Berlins, hat mit 15 Jahren seine ersten Texte geschrieben. Aber wie kommt einer, der bereits mit Sido, B-Tight und der Sekte zusammengearbeitet hat und als Mitglied der "Berliner Vokalrunde" zu den Urgesteinen der Berliner HipHop-Szene gehört, ausgerechnet zum Poetry Slam? Diese Verbindung bringt die Klischee-Schublade ziemlich zum Wackeln, denn mal ehrlich: Wortkunst und HipHop haben sich bis auf wenige Ausnahmen wie Fettes Brot, Freundeskreis oder Jan Delay zunehmend auseinander gelebt.

Vor einigen Jahren bekam Gauner eine Einladung von der Literaturwerkstatt Berlin zu einer Slam-Veranstaltung. "Ich hab mich damals echt gewundert, wie die auf mich gekommen sind. Ich war doch gar kein Autor", erzählt er. Zu der Zeit war Gauner ausschließlich in der deutschen HipHop-Szene unterwegs. Und er hat Gefallen gefunden am Poetry Slam, ist inzwischen seit ungefähr vier Jahren dabei. Mit seiner Slam-Gruppe "Agrar Berlin" ist er mittlerweile fester Bestandteil der Szene und auch Solo ist er auf Slam-Bühnen in und außerhalb Deutschlands erfolgreich unterwegs.

"Der Zopf ist ab"

Während viele Bands ihre neuen Songs auf Konzerten testen, probiert Gauner seine Stücke vor Slam-Publikum. Die Premiere seines Videoclips zu der Single "Karlshorst" fand beim Berliner Bastard-Slam im Prater im Februar statt. Das Publikum solcher Veranstaltungen ist gar nicht einfach, giert nach anspruchsvoller Unterhaltung, nach Tiefsinnigkeit und sinnierendem Ernst. Wer hier seine Texte vorstellt, braucht nicht nur Mut, sondern auch Inhalte. Ein Rapper wird da gemeinhin nicht erwartet. Doch regelrecht befeiert wurde der Clip, in dem Udo Walz Gauner die langen Rastas abschneidet. Mit diesem Schritt vollzieht Gauner nicht nur eine oberflächliche Veränderung. Er selbst sieht sich mit seinem Album als erwachsen geworden an, bezeichnet seine Musik gar als "Rap Musik für Erwachsene und solche, die es noch werden sollen". Das Video zu "Karlshorst" steht also für diesen Schritt zum erwachsenen Musiker. "Nach mentaler Vorbereitung ist es nun passiert, der Zopf ist ab", sagt er und reibt sich über den Kopf. "Es war nicht ganz einfach, Udo Walz für das Video zu bekommen. Aber ich glaube, er hatte letztendlich Spaß am Dreh", erzählt Gauner. Keine Veränderung ohne Knall.

Neben Auftritten auf Poetry-Slams will Gauner bald auch live mit seiner Band sein Album vorstellen - mit Kontrabass, Schlagzeug, Gitarre und DJ. "Ich freue mich schon riesig auf die Auftritte mit meiner Band. Früher fand ich Bands regelrecht blöd, aber da hab ich meine Meinung inzwischen grundlegend geändert", sagt er. Kraftvoll und energiegeladen soll es werden. Wer Gauner bisher noch nicht auf einer Slam-Bühne gesehen hat, kann sich den Live-Mitschnitt der Politiker-Persiflage "Meine sehr verkehrten Darminternen" vom Passau-Slam im Juli 2006 anhören. Kürzlich konnte er damit schließlich auch das eher punkige Friedrichshainer Publikum im "Klub der einsamen Herzen" überzeugen, die dem HipHopper zuerst gar nicht zuhören wollten. Zu Unrecht. Denn zu seinem zweiten Soloalbum muss man schulterklopfend sagen, gut Ding will Weile haben. Hier verklärt keiner die Realität und sieht dennoch mit verklärtem Blick in die Zukunft. Ein Träumer eben, der die Welt retten will. Hoffentlich nicht allein.

Live wird Gauner vorerst auf Slams in Zürch, St. Gallen und Leipzig zu sehen sein. Genauere Termine und Album-Kostproben auf Gauners Website.

Gauner: "In Wirklichkeit Träumer", 2007 P-Pack Records/Groove Attack CD, 23 + 1 Titel. Ab sofort im Handel. (Von Saskia Weneit)

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