Kultur : Hauptstadt-Kultur: Ein geschenkter Gaul

Jörg Königsdorf

Vermutlich werden die Berliner ihren Kultursenator im Moment ebenso wenig verstehen wie einst die Trojaner ihren Hohepriester Laokoon: Da sind endlich die Millionen da, an denen bislang die Vertragsverlängerung von Staatsopernchef Daniel Barenboim gescheitert ist - und der Kultursenator mault, als sei die unerwartete Spende nichts anderes als ein Danaergeschenk. Einen Versuch, in Berliner Kulturhoheiten hineinzuregieren, wittert Christoph Stölzl in den dreieinhalb Millionen Mark, die der Bund jetzt für Barenboims Staatskapelle spendiert hat, und sieht die hauptstädtische Kulturhoheit bedroht.

Zugegeben, die dreieinhalb Millionen haben es in sich: Mit der Zahlung erkennt der Bund de facto die lang geforderte Tariferhöhung der Staatskapellen-Musiker an, ohne freilich die künftige Finanzierung der Staatsoper und ihres Orchesters zu klären. Denn eine solche einmalige Zahlung nützt, wie Stölzl erkannt hat, als "isolierter Spontanakt" niemandem: Weder den Berliner Opernhäusern, die noch ganz andere Summen brauchen, um aus ihrer Finanzmisere dauerhaft herauszukommen, noch dem Kultursenator selbst, dessen Reformaufgabe nun noch schwerer geworden ist. Denn die Spende Naumanns ist vor allem eine kulturpolitische Geste, die das Interesse des Bundes am Erhalt der fusionsbedrohten Staatskapelle unterstreicht - freilich, ohne die Konsequenz einer vollständigen finanziellen Übernahme zu ziehen. Ein Kernpunkt von Stölzls Reformpapier, die Teilverschmelzung der Staatskapelle mit dem Orchester der Deutschen Oper, scheint vor diesem Hintergrund kaum mehr möglich.

Die Situation ist damit noch verworrener geworden und die Intendanten der großen deutschen Opernhäuser, die in der kommenden Woche Stölzls Vorschläge überarbeiten wollen, wissen nun erst recht nicht, von welcher finanziellen und künstlerischen Basis sie ausgehen können. Ein Verbleib Daniel Barenboims an der Staatsoper, der nun wieder wahrscheinlicher geworden ist, würde die seit Jahren geforderte Profilabgrenzung der Berliner Opernhäuser fast unmöglich machen - der Konflikt mit der Deutschen Oper um das "große Repertoire" würde sich auf Jahre hinaus fortsetzen.

Solange sich Naumann nicht über das künftige Engagement des Bundes an der einstigen Hofoper erklärt hat, bleiben alle Fusionskonzepte Makulatur. Auf der bevorstehenden Klausurtagung der Intendanten in Berlinkann unter dieser Voraussetzung wenig mehr herauskommen als ein eindringlicher Appell an den Kulturstaatsminister, zumindest die Staatskapelle zu übernehmen. Denn vielleicht deutet Naumanns Signalspende ja auch eine solche Kompromisslösung an: Schließlich ist das Geld nicht für die Staatsoper, sondern für deren Orchester bestimmt und soll dazu dienen, Daniel Barenboim in der Stadt zu halten. Der Maestro selbst hat sich bezeichnenderweise bislang kaum dazu geäußert, mit welchen künstlerischen Konzepten er eine weitere Dekade als Staatsopernchef ausfüllen würde, sondern wiederholt seine "Opernmüdigkeit" erklärt. Eine Zukunft als Chefdirigent des international renommierten Konzertorchesters Staatskapelle kann sich Barenboim dagegen sehr wohl vorstellen - vor allem, nachdem es ihm im vergangenen Jahr wider Erwarten nicht gelungen war, den Philharmoniker-Thron zu erklimmen. Die Staatsoper als Repertoire-Haus ohne festes Orchester, das wechselweise von der bundesfinanzierten Staatskapelle und freien Barockensembles bespielt würde, wäre eine Kompromisslösung, mit der vermutlich alle leben und vor allem überleben könnten. Auch Stölzl. Und der Trojanische Krieg dauerte schließlich auch zehn Jahre.

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