Kultur : Hauptstadtkultur: Berlin muss der Motor sein...

Gregor Gysi ist nach seinem Ausscheiden als PDS-Ch

Der neue Staatsminister für Kultur soll zum Amtsantritt geäußert haben, dass es seiner Meinung nach keine "Kulturhauptstadt" gebe und für ihn Berlin - zumindest in gewisser Hinsicht - eine "Stadt wie andere" sei.

An dieser Äußerung wird ein Dilemma Berlins deutlich. Vor der Herstellung der deutschen Einheit hatte die alte Bundesrepublik faktisch keine Hauptstadt, und die Menschen und Länder haben offensichtlich in 40 Jahren verlernt, mit ihr umzugehen. Weder in München noch in Kiel scheint bekannt zu sein, wozu eine Hauptstadt gut sein könnte. Schon gar nicht wird akzeptiert, ihr eine Sonderrolle zuzubilligen. Die Ostdeutschen hatten zwar eine Hauptstadt, aber alle, die nicht in Berlin wohnten, hatten den Eindruck, dass so, wie sie arbeiteten, nur die Ostberlinerinnen und Ostberliner lebten, aber nicht sie selbst.

Im Rahmen der Hauptstadtdebatte des Bundestages wurde die Rolle Berlins als Sitz von Regierung und Bundestag diskutiert, nicht aber die Rolle Berlins als Hauptstadt. Der Berliner Senat hat es meines Erachtens versäumt, im Gespräch mit den anderen Bundesländern zu klären, was der Vorteil Berlins für alle anderen Bundesländer sein könnte und müsste, weshalb also Investitionen in Berlin sich zum Nutzen aller anderen Bundesländer auswirken. Erschwert wird diese Debatte durch die föderale Struktur: Durch sie konnte der Eindruck entstehen, Berlin sei ein Bundesland wie alle anderen auch.

In den zwanziger Jahren sah dies ganz anders aus. Damals wussten die meisten Deutschen, wozu sie eine Hauptstadt haben, was von ihr ausging, wie sie auch den Menschen nutzte, die nicht in ihr lebten, was man ihr aber auch geben musste, damit sie ihre Rolle ausfüllen konnte. Die Stellung Berlins wurde damals auch nicht durch eine föderale Struktur in Frage gestellt. Ich denke, dass auch die Franzosen keine Schwierigkeit haben, die Bedeutung von Paris für ganz Frankreich zu erklären. Zur Zeit will uns das bezüglich Berlins nicht so richtig gelingen.

Die wichtigste Funktion einer Hauptstadt sehe ich nicht in dem, was sie repräsentiert, sondern in dem, was sie an Entwicklungen für das gesamte Land ermöglicht und befördert. In einer Hauptstadt tummeln sich politische, kulturelle, wissenschaftliche und ökonomische Eliten. In ihr kulminieren soziale und andere Widersprüche, so dass von dort am ehesten Impulse ausgehen. In ihr leben die meisten Ausländerinnen und Ausländer, die sich in einem Land aufhalten. Gerade in den Hauptstädten leisten diese ihren Beitrag zum Bewusstmachen von Konflikten, zu ihrer Lösung, zur Bereicherung und Entwicklung von Kunst und Kultur. Eine Hauptstadt sollte Motor der Entwicklung eines Gesamtlandes sein. Nicht zufällig haben große gesellschaftliche Entwicklungen fast überall ihren Ausgangspunkt in der Hauptstadt.

In den meisten Ländern gibt es auch so etwas wie eine "Hauptstadtkultur" und damit auch eine "Kulturhauptstadt". Denn von dem Kulturniveau der Hauptstadt hängt nicht unwesentlich ab, wie sich Kunst und Kultur in anderen Regionen entwickeln. In Berlin kommt hinzu, dass die nach der Einheit entstandene Kulturlandschaft einen besonderen Anziehungspunkt ausmachen könnte. Sie könnte sogar ein Grund für den Dienstleistungs- und Verhandlungsort Berlin sein, für Investitionen von Unternehmen.

Kultur in Berlin ist also kein Selbstzweck. Und wer an die große Kulturzeit Berlins in den zwanziger Jahren anknüpfen will, muss wissen, ohne Hochkultur gibt es auch keine alternative Kulturszene, keine Offkultur, keine Kiezkultur. Wer die Kultur seiner Hauptstadt vernachlässigt oder gar meint, es gäbe keine spezifische Hauptstadtkultur, der muss dann auch glauben, dass es eines kulturellen Motors in einer Gesellschaft nicht bedarf, und der hat meines Erachtens nicht verstanden, welche Bedeutung Hochkultur in einer Hauptstadt auch für die Entwicklung von Kultur in Potsdam, Dresden, Kiel und München hat.

Wenn Berlin künftig seine Rolle wahrnehmen will, muss es seine eigene Stellung offensiv definieren und verteidigen, muss seinen Zweck für andere Regionen klären und darüber die Bereitschaft der anderen wecken, sich eine Hautstadt leisten zu wollen, sogar leisten zu müssen.

Das setzte allerdings voraus, dass es die Verantwortlichen in Berlin erst einmal selbst so sehen.

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