• Hauptstadttheater: Alle reden von Berlins Kultur - aber was ist mit Bonn? Ein Gespräch mit Manfred Beilharz

Kultur : Hauptstadttheater: Alle reden von Berlins Kultur - aber was ist mit Bonn? Ein Gespräch mit Manfred Beilharz

Herr Beilharz[Sie rufen seit Jahren SOS. Aber Ihr]

Die Bonner Bühnen sind ein traditionsreiches Theater, das auf eine mehr als 300-jährige Geschichte zurückblickt. Mit der Spielzeit 1991/92 übernahm der 1938 geborene Regisseur Manfred Beilharz, der zuvor das Staatstheater Kassel geleitet hatte, die Schauspiel-Intendanz. Seit 1997 ist er Generalintendant der wiedervereinigten Sparten Oper, Schauspiel, Tanz. Mittlerweile ist das Haus zu einer der profiliertesten Bühnen Nordrhein-Westfalens aufgestiegen, das sich einen Namen als Ur- und Erstaufführungstheater gemacht hat. Über die Grenzen Deutschlands bekannt ist die "Bonner Biennale", ein europäisches Autorentheaterfestival, das von Beilharz und dem Dramatiker Tankred Dorst geleitet wird.

Herr Beilharz, Sie rufen seit Jahren SOS. Aber Ihr Theaterschiff fährt immer noch auf Kurs. Warum droht jetzt der Untergang?

Das Bonner Theater ist eine Institution der ehemaligen Hauptstadt. Zwei Mal wurde ein Vertrag zwischen der Stadt Bonn und dem Bund geschlossen, der die Kosten und Adressaten der Bundes-Subventionen regelte. Auf dieser Grundlage sind zuletzt 70 Millionen Mark für die Bonner Kultur geflossen. Diese Summe wird dieses Jahr zum letzten Mal gezahlt und danach drastisch reduziert. Und zwar schrittweise auf 25 Millionen Mark im ersten Halbjahr 2003. Von dieser Reduzierung wussten wir, das war schmerzhaft, aber letztlich erträglich, weil die Stadt Bonn sich bereit erklärt hatte, die entstehenden Fehlbeträge auszugleichen.

Wo liegt also das Problem?

In der Hiobsbotschaft, die lautet, dass der Bund ab Mitte 2003 seine finanziellen Leistungen für die so genannte "privilegierte Kultur" der ehemaligen Hauptstadt komplett einstellen will. Es gibt einen diesbezüglichen Kabinettsbeschluss vom 21. Juni.

Warum sollte der Bund weiter eine Stadt bedenken, die keine Hauptstadtfunktionen mehr innehat?

Der Bund hatte eine historische Epoche lang ein Verhältnis mit der Stadt Bonn. Aus dieser Beziehung sind Kinder entsprossen. Diese Kinder sind da, aufgewachsen und haben ein Eigenleben. Nun macht sich der ehemalige Liebhaber davon und überlässt es der Mutter, also der Stadt Bonn, ob sie diese Kinder füttert und kleidet oder sie, wie Phädra, nicht am besten gleich erwürgt. Und die Stadt gibt ihre größten Kinder dem Hungertod preis.

Dennoch, sagen Sie, liegt die Hauptverantwortung beim Bund?

Ich halte es für rechtlich außerordentlich bedenklich, was der Bund vorhat. Von Moral ganz zu schweigen. Auf Veranlassung des Bundes sind seit 1980 hier in Bonn Institutionen entstanden, die in einer anderen Liga spielten - spielen sollten, wohlgemerkt. Folglich ist das Personal der drei Sparten von 300 auf 650 Personen angewachsen, ohne Orchester. Das alles kann man nicht von heute auf morgen wieder abschaffen. Da existieren rechtliche Bindungen, die der Bund eingegangen ist! Die ursprüngliche Grundlage war das Bonn-Gesetz. Seit Berlin Hauptstadt ist, ist die Rechtsgrundlage das so genannte Bonn-Berlin-Gesetz. Darin wird festgestellt, dass der Bund die von ihm veranlassten Einrichtungen weiter "angemessen" finanzieren werde. Sicher lässt sich darüber reden, ob dies weniger sein darf als bisher. Aber ob für die vom Bund initiierten Institutionen die Nulllösung "angemessen" ist, darf man bezweifeln.

Nach dem Familienrecht hätten Sie sicherlich große Chancen auf Alimente. Tatsache bleibt aber, dass Bonn nach Verlust der Hauptstadtrolle unter Umständen überalimentiert ist. Braucht die Stadt überhaupt ein Dreispartentheater?

Brauchen Mannheim oder Karlsruhe ein Dreispartentheater? Das sind Städte von vergleichbarer Größe, und sie haben eins! Bonn mit seinen 300 000 Einwohnern ist ja auch zuständig für einen regionalen Einzugsbereich von noch einmal 200 000 Menschen. Für diese halbe Million ist ein einziges Theater, das Oper, Schauspiel, Tanz anbietet, nicht überdimensioniert. Und was die finanzielle Seite betrifft: Das Bonner Theater hat ein Budget, das für alle drei Sparten geringfügig über dem der Komischen Oper in Berlin liegt, also der kleinsten der drei dortigen Opern.

Das heißt, Ihr Haus war nicht zum Vergnügen und zur höheren Ehre der damaligen Bundespolitiker der Stadt da, sondern ist ein von der Bevölkerung Bonns und seiner Umgebung angenommenes Theater?

Wir machen in Bonn keine Repräsentationskultur. Sondern Theater, das vom Publikum angenommen wird. Obwohl unser Schauspiel-Spielplan zu 40 Prozent aus Ur- und Erstaufführungen besteht und wir auch die Klassiker aus einem zeitgenössischen Geist heraus präsentieren, obwohl wir in der Oper ebenso verfahren und etwa in unserer Reihe "bonn chance" Kompositionsaufträge an junge Komponisten vergeben, also neues Musiktheater präsentieren, ist das Bonner Theater eines der bestbesuchten im deutschsprachigen Raum. Wir haben beim Schauspiel in dieser Spielzeit eine Auslastung von 91 Prozent! Selbst das Choreographische Theater, unsere Tanzkompanie aus dem Geiste Kresniks, liegt bei 80 Prozent. In einem Haus mit tausend Plätzen!

Wenn sie also Theater für die Stadt machen, warum kann die Stadt dieses Theater dann nicht selbst bezahlen? Das tun andere Städte wie Mannheim auch!

So dynamisch, Ausfälle in dieser Größenordnung komplett auszugleichen, ist keine Kommune. Und eine Stadt wie Mannheim liegt im gesegneten Baden-Württemberg, wo das Land sich finanziell mit 40 Prozent an den kommunalen Theatern engagiert. Ich schaue auch mit Neid nach Bayern - mit wieviel Verve hat sich der dortige Landesvater vor die mit Bundesmitteln versorgten und kürzungsbedrohten Institutionen wie Bayreuth gestellt! Vielleicht geschieht dies ja doch noch in Nordrhein-Westfalen.

Die Bonner Bühnen sind also auf Veranlassung des Bundes aufgeblasen worden. Kann man die Luft nicht wieder herauslassen?

Das haben wir schon. Die Zusammenlegung der drei Sparten 1997 war ein solches Unternehmen, das sechs Millionen Mark eingespart hat - ohne dass Qualität und Quantität darunter gelitten hätten.

Sie sagen, mit 30 Millionen weniger sind die Bonner Bühnen nicht zu halten. Was passiert, wenn man das Theater schließt?

Was passiert, wenn man das Schiller-Theater schließt? Man zahlt jahre-, zum Teil jahrzehntelang Millionenbeträge. Denn ein Teil unserer Belegschaft steht in Verträgen nach dem Öffentlichen Dienstrecht. Die Kosten für diesen Personenkreis würden weiter anfallen, nur gespielt würde dann nicht mehr!

Was fordern Sie vom Bund?

Alimentieren!

In welcher Höhe?

Das überfordert meine Rolle, ich bin ja nicht die Stadt. Ich kann nur warnen. Wenn der Bund statt der bisherigen 70 Millionen 30 Millionen einsetzte, müsste es möglich sein, mit den vermehrten Anstrengungen der Stadt und Einsparungen unsererseits die Häuser in ihrer Qualität zu erhalten.

Das Schmuckstück Ihres Hauses ist die Bonner Biennale, deren fünfte Auflage gerade über die Bühne ging. Ist sie auch bedroht?

Das offizielle Budget der Biennale in Höhe von 2 Millionen Mark - Ausgleichsmittel des Bundes - ist bis 2004 gesichert. Doch dieses Festival wird nicht frei schwebend produziert. Es setzt die Existenz eines leistungsfähigen Schauspiels voraus. Wenn es kein Schauspiel Bonn mehr gibt, wird es auch keine Biennale mehr geben.

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