HAUS AM WALDSEE : Aquarium-Taucher

Seit 20 Jahren ist der norwegische Maler Olav Christopher Jenssen in Berlin. Er lässt sich von dem idyllischen Raum inspirieren.

Nicola Kuhn
Jenssen
Auf den Spuren der Wilden: Olav Christopher Jenssen in seinem Kreuzberger Atelier. -Foto: Rückeis

Mit etwas gutem Willen ließe sich das Innere des Hauses am Waldsee wie ein großes Aquarium betrachten. Sämtliche Wände sind bläulich-grau gestrichen, und die abstrakten Bilder schweben regelrecht davor. Im Entree der Zehlendorfer Institution hängen überdimensionale Tentakel. In Wirklichkeit sind es mit weißem Gips überformte Drahtgebilde. Der Besucher könnte durch das Ausstellungshaus in Berlins Süden wie durch eine Landschaft spazieren.

Wer die Motivwelt des norwegischen Künstlers Olav Christopher Jenssen betritt, fühlt sich in ein anderes Reich versetzt. Es ist das Land der frei flottierenden Farben und Formen, der mäandernden Linien, der kletternden Raster, der kreisenden Felder, die Assoziationen von Pflanzen und Tierwelt wecken. Vielleicht begünstigt aber auch nur das Wissen um die Herkunft des Malers, der von den Vesteraleninseln jenseits des Polarkreises stammt, dass man alles für Natur hält.

Dabei lebt der Künstler schon seit über zwanzig Jahren in Berlin. Bei einem New-York-Aufenthalt entdeckte er die Neuen Wilden – Fetting, Salomé und Hödicke, die in den USA gerade für Furore sorgten – und reiste neugierig weiter zum Ausgangspunkt ihrer energetischen Malerei. Heute hat er sein Atelier in Kreuzberg, dort, wo auch der Siegeszug der Neuen Wilden begann.

Um Jenssen ist es allerdings immer still geblieben. Hier nimmt kaum jemand zur Kenntnis, dass es sich bei dem 54-Jährigen um einen der bedeutendsten Künstler Skandinaviens handelt; in seinem Heimatland gilt er als Star. In Berlin blieb Jenssen aus familiären Gründen; hier lebt er mit seiner Frau und vier Kindern.

Nun kommt die norwegische Königin umgekehrt zu ihm. Ihre Majestät Sonja ist eine begeisterte Jenssen-Sammlerin und will die Schau im Haus am Waldsee persönlich sehen. An „Zeitweise“, so der Ausstellungstitel, dürfte sie ihre Freude haben, denn sie zeigt sämtliche Facetten des Werks: die großformatigen Gemälde, die kleinen Aquarelle und Zeichnungen sowie Jenssens raumgreifende Installationen aus Aluminium, Gips und Ton. Sämtliche Arbeiten stammen aus den vergangenen zwei Jahren, manche sind sogar erst wenige Wochen alt.

Es liegt nahe, Jenssen mit seinem Landsmann und großen Expressionisten Edvard Munch in Verbindung zu bringen, zumal in Berlin, wo Munch um die Jahrhundertwende mit seinem Ausstellungsskandal den Durchbruch der Moderne beförderte. Jenssen schert das wenig. Er zeichnete bei seinem Aufenthalt im Munch-Haus unweit von Oslo gerade die einfachen Dinge – ein Schälmesser, einen Türknopf und irgendwelche zufällig entdeckten Rollen.

Gerade das macht Jenssens Werk so sympathisch: dass es einfach irgendwie passiert. „Ich mag die banalen Prozesse. Die Größe ist letztlich egal“, sagt er und erklärt, wie die riesigen Skulpturen im Garten vom Haus am Waldsee entstanden sind. Ganz einfach – der Künstler faltete zweifach ein Blatt Papier, das er dann mit einer Schere bearbeitete. Fertig waren die papiers coupés, die nun in überdimensionaler Form und aus weiß lackiertem Aluminium auf der Wiese hinter dem Ausstellungshaus stehen. Bei Jenssen wächst eins aus dem anderen. Immer malt er in seinem Atelier parallel an mehreren Bildern. Wie zufällig fiel dabei auch einer der Entwürfe für die Außengestaltung der künftigen Kunsthalle am Schlossplatz ab: ein kristallin-bunter Kasten. Auch er wirkt wie ein Aquarium.

Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, bis 8. 6.; tägl. 11–18 Uhr. Katalog 14,80 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben