Haus der Berliner Festspiele : Ein Fest für Herta Müller

Nobel: Das ganze literarische Berlin ist eine Woche nach der Preisverleihung nun ins Haus der Berliner Festspiele gekommen, um Herta Müller zu ehren.

Andreas Schäfer
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Aufrecht. Herta Müller am Freitag im Haus der Festspiele. Foto: DAVIDS/WalterscheidDAVIDS/Walterscheid

Mit mehr Understatement hätte man es nicht machen können. Denn alle Fest-, Jubel- und Lobreden auf die diesjährige Literaturnobelpreisträgerin waren schließlich schon gehalten worden. Die schönste und bewegendste Rede hatte Herta Müller ohnehin selbst vorgetragen, als sie in ihrer Nobelvorlesung in Stockholm die tröstende Kraft und Bedeutungsvielfalt eines Taschentuchs beschwor. Was also tun?

Michael Krüger, Verleger des Hanser Verlages und als solcher Herta Müllers Verleger, betritt die Bühne der Berliner Festspiele, auf der – von allen Literaturinstitutionen Berlins gemeinsam organisiert – „ein Fest für Herta Müller“ gefeiert wird. Er beugt sich über das Mikrofon und sagt trocken: „Da stand ich also in einem Münchner Kostümverleih und wartete auf meinen Frack.“

Krüger spricht nicht über Herta Müller, er spricht nicht über Literatur, sondern über Kleider! Beziehungsweise über die groteske Situation, zwischen verkleideten Nikoläusen in einem Kostümverleih zu stehen, auf einen Leihfrack zu warten und ihn dann auch anzuprobieren, wobei viele Schlaufen durch versteckte Hemdöffnungen gezogen und viele Metallstäbchen befestigt werden müssen, um schließlich die Frackhemdblende darüberzuschieben. Inmitten dieser komplizierten Prozedur musste Krüger voller Panik an Herta Müller denken: Hoffentlich hat sie ein Kleid gewählt, dass man einfach nur über den Kopf ziehen muss. Hoffentlich reißt sich Herta Müller aus einem Herta-Müller-Wahrhaftigkeits-Reflex nicht das Kleid vom Leib oder kommt gleich in Jeans.

Sie tat weder das eine noch das andere, sondern machte bei der Preisverleihung, so Krüger, „bella figura“, während die mitgereisten Freunde ihre „Taschentücher aus den Frackhosentaschen zerrten“, um ihre Rührung aus den Augenwinkeln zu wischen, und in Krügers Fantasie Herta Müllers verstorbener Freund und Schriftstellerkollege Oskar Pastior in „seinem alten Pullover auf einer knallweißen Wolke saß und begeistert applaudierte“. Mit einem zutiefst ironischen „Und alles ward gut“ endete diese launige, raffinierte Nicht-Rede.

Denn natürlich löste das harmlose Leiden an den Frackeinschnürungen und den albernen verkleideten Nikoläusen angesichts von Herta Müllers Lebensgeschichte, die als junge Frau in Rumänien bespitzelt und drangsaliert worden war, Assoziationen an ganz andere Einschnürungen und Maskeraden aus. Wie hieß Herta Müllers Nobelvorlesung noch mal? „Jedes Wort weiß etwas vom Teufelskreis“.

Das ganze literarische Berlin ist eine Woche nach der Preisverleihung nun ins Haus der Berliner Festspiele gekommen, um Herta Müller zu ehren. Tausend Plätze fasst der große Saal, viertausend Karten hätten verkauft werden können. Es ist ein kurzweiliger, unprätentiöser Abend, durchzogen von einem mal heiteren, mal bitteren Humor. Der Schauspieler Albert Kitzl, wie Herta Müller ebenfalls aus dem Banat stammend, liest Erzählungen aus Müllers Debüt „Niederungen“, Ulrich Matthes trägt aus Müllers neuestem Roman „Atemschaukel“ Passagen über das „Kopfglück“ und das „Mundglück“ und also über den Hunger vor. Andrei Plesu, ehemaliger rumänische Kulturminister, spricht von Herta Müllers „irrem Humor“, ihrer „humanen Qualität“ und ihrem besonderen Verhältnis zur Wahrheit. Für Herta Müller liege „die Wahrheit dort, wo deine Knochen liegen könnten“. Sie sei höchst „liebevoll und irritierend“ zugleich, weil sie aus einem tiefen inneren Drang heraus immer „wieder in Fettnäpfchen“ trete.

Die Gefeierte selbst, ernst wie immer, trug aus hintergründigen Textcollagen vor und erinnerte daran, dass an diesem Tag vor zwanzig Jahren 1700 Menschen bei einem Aufstand in der rumänischen Stadt Temeswar getötet wurden. „Für diese Toten“ las sie, den Tränen nah, ein Gedicht auf Rumänisch. Es war der bewegendste Moment einer Feier für eine Dichterin, die – das zeigte Herta Müllers scheue Verbeugung beim Schlussapplaus der stehenden Zuschauer – sich nicht gern feiern lässt.

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