Haus der Kulturen: Das Festival Pop 16 : „Schellack hört man bewusster“

Das Festival Pop 16 im Berliner Haus der Kulturen der Welt feiert ab Donnerstag 100 Jahre produzierte Musik. Ein Gespräch mit dem Schellack-Experten Ralf Schumacher über ungehobene Schätze und die Faszination stromfreier Technik.

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Relikte. Schellackplatten lassen sich heute nicht mehr herstellen. Das Wissen um die exakte chemische Formel ist verloren gegangen.
Relikte. Schellackplatten lassen sich heute nicht mehr herstellen. Das Wissen um die exakte chemische Formel ist verloren...Foto: Thilo Rückeis TSP

Ralf Schumacher, geboren 1957 in Berlin, betreibt seit 1999 gemeinsam mit seiner Frau den Grammophon-Salon-Schumacher in Schöneberg, wo er Schellackplatten und Grammophone verkauft.

Herr Schumacher, diese Woche beginnt im Haus der Kulturen der Welt (HKW) das Festival Pop 16, das auf „100 Jahre produzierte Musik“ zurückblickt und sich auch mit der Erfindung der Schellackplatte beschäftigt. Ist die Aufzeichtechnik tatsächlich so jung?
Eigentlich müsste man bei der Frage nach dem Beginn produzierter Musik zurückgehen bis zu Thomas Edison, der bereits 1877 seinen ersten Phonographen vorgeführt hat. Und Emil Berliner hat zehn Jahre später sein Grammophon patentieren lassen. Die ersten Schellackplatten kamen dann in nennenswerter Anzahl Ende des 19. Jahrhunderts auf den Markt. Richtig los ging es mit der produzierten Musik aber erst Anfang des 20. Jahrhunderts, in der Zeit des ersten Schallplattenstars Enrico Caruso, so etwa ab 1903. Nimmt man wie das HKW die 20er Jahre als Ausgangsbasis, dann in dem Sinne, dass damals die großindustrielle Produktion von Musik auf Tonträgern begann.

„Pop 16“ will Wechselwirkungen zwischen Technik und Musik untersuchen. Welche sind das in der Ära der Schellackplatten?
Erst Mitte der 20er Jahre wurde das Mikrofon bei Schallplattenaufnahmen eingeführt. Bis dahin entstanden alle Produktionen rein akustisch. Der Künstler, egal ob Sänger, Geiger oder Trompeter, schrie oder spielte direkt in den Trichter des Phonographen. Erst dann kamen Mikrofon und elektrische Verstärkung zum Einsatz und somit auch die „Manipulation“ der Aufnahmen. Diese klangen bassbetonter, mehr Höhen kamen hinzu. Zu Beginn fand das noch eher nach Lust und Laune statt, je nachdem, was der Aufnahmeleiter klanglich gerade besonders schön fand. Rücksicht auf die Interessen der potenziellen Hörer nahm man kaum.

Brauchten die Musiker Zeit, um sich an die neue Technik zu gewöhnen?
Ja, natürlich. Vor Kurzem hatte ich zwei professionelle Sänger bei mir im Laden, die an der Deutschen Oper Berlin gastierten. Denen habe ich Schellackplatten von Caruso vorgespielt. Zwei unterschiedliche Aufnahmen desselben Liedes, von 1903 und 1908. Die beiden konnten mit ihren geschulten Ohren deutlich erkennen, wie Caruso ganz offensichtlich gelernt hat, mit seiner Atem- und Gesangstechnik besser auf dem Medium Schallplatte rüberzukommen.

Wie hat sich die Schellackplatte selbst über die Jahre weiterentwickelt?
Vor allem der zur Verfügung stehende Platz wurde immer besser genutzt, die Länge der Stücke auf einer Schellack wuchs. Ganz frühe Trichtergrammophone hatten einen schwachen Aufziehmotor – so schwach, dass ich auf diesen Geräten eine Platte, die später, etwa 1930, entstanden ist, gar nicht ganz abspielen kann. Weil der Feder vorher die Luft ausgeht. Zur Zeit der ganz frühen Grammophone dauerten die Schallplatten einfach nicht so lange wie später.

Schellackplatten sind heute etwas für Liebhaber, für die meisten sind sie Relikte einer längst vergangenen Zeit. Wann ging ihre Ära zu Ende?
In Deutschland war 1958 Schluss, in Südafrika oder Indien ging es mit der Produktion noch bis in die Sechziger weiter. Darum gibt es beispielsweise auch die Beatles auf Schellack.

Ach ja?
„Love Me Do“ gibt es auf Schellack, außerdem noch zwei weitere Titel der Beatles. Diese gehören heute mit zu den teuersten Schellackplatten, weil sie eben am Ende einer Ära entstanden sind und dementsprechend wenig Exemplare produziert wurden. Und diese auch noch fern von Europa.

Profitieren Sie als Schellackplattenhändler vom gegenwärtigen Vinyl-Revival?
Nein. Das Comeback des Vinyls strahlt nicht aus auf die Schellacks. Ich profitiere eher von einem neuen Back-to-the- Roots-Empfinden in einem anderen Bereich: Die Leute entwickeln wieder eine Faszination für die einfache Technik. Sie fragen: So ein Grammophon spielt ganz ohne Strom? Da ist wirklich nichts Digitales in so einem Gerät? Nein, ist es nicht. Ein Grammophon würde auch nach einem Atomkrieg noch funktionieren.

Vinyl-Fans schwärmen davon, dass sie mit Schallplatten wieder bewusster Musik hören würden. Das Umdrehen der Platte, das Aufsetzen der Nadel, der ganze Aufwand wird mystifiziert. Hörer von Schellackplatten kennen dieses Gefühl nur zu gut, oder?
Schellackplatten zu hören ist ein bewussteres Hören. Eine CD legen Sie in den Player, drücken auf Start und dann können sie abwaschen, staubsaugen oder Kinder in die Welt setzen. Beim Benutzen eines Grammophons müssen Sie bereits nach drei Minuten wieder aufstehen, die Seite wechseln, die Nadel des Grammophons austauschen. Dementsprechend nimmt man sich Zeit und hört bewusst. Meine Kunden sagen oft, sie müssten jetzt aber nach Hause, um Schellackplatten zu hören. So wie andere sagen, sie müssen jetzt irgendwohin, um ein Spiel in der Champion’s League zu sehen.

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