Kultur : Haus der Kulturen: Ein Monster, das seine Kinder frisst

Daniela Sannwald

Was ist es bloß, dieses handgroße Plastikgerät in Rosa, das über Cookies Bauchnabel baumelt? Man kann es nicht erkennen, denn Cookie und ihre Freundinnen bewegen sich trotz hoher Plateausohlen schnell durch die Stadt. Mit Handtäschchen und Handy bewaffnet, im lila-hellblauen Girlie-Outfit, Kaugummi kauend, rauchend, zankend und pausenlos schwatzend, treiben sie sich herum, auf der Suche nach etwas, von dem sie selbst nicht wissen, was es sein könnte.

Cookie ist 13, und wenn sie morgens zu spät zur Schule kommt, muss sie Strafe stehen auf der Mittellinie des Sportplatzes. Wenn sie dabei nicht stillhält, muss sie Runden laufen. In ihren roten hochhackigen Schuhen, die sie gegen die Kleidervorschrift trägt, kann sie das schlecht; deswegen fängt der Aufsichtslehrer sie mit einem Lasso ein und zieht sie hinter sich her - in seinem Tempo. "Spacked Out" heißt der pessimistisch-realistische Film von Lawrence Ah Mon, der seinen Protagonistinnen kaum eine Ruhepause gönnt und sie in ihrer Aufsässigkeit, Ignoranz und Vulgarität dennoch als einsame, verletzliche, ja verängstigte Kinder zeigt. Kuscheltiere und Puppen in allen Größen bevölkern das Zimmer des Mädchens Banana, das ihre One-Night-Stands über einen anonymen Telefonservice organisiert. Cookie dagegen hatte einen richtigen Freund, aber der ist, wie ihre Mutter, verschwunden. Nun ist sie schwanger, und Lawrence Ah Mon hat die Abtreibungsszene als surrealistischen Exkurs inszeniert, in dem sich die Ängste des mürrischen Mädchens zum bizarren Alptraum verdichten.

Alptraumartig wirkt Lawrence Ah Mons Hongkong ohnehin. In seinem Film spürt man nichts von der positiven Energie und dem inspirierenden Klima, von denen Hongkong-Reisende schwärmen. "Spacked Out" zeigt vielmehr ein Monster, das seine Kinder frisst. Thematisch ähnlich, aber ästhetisch vollkommen anders setzt Fruit Chan in "Made in Hongkong" seine Heimatstadt ins Bild. Auch er arbeitet, wie Lawrence Ah Mon, vorwiegend mit Laiendarstellern, aber durch Lichtgebung und Kameraführung erinnert sein Film mitunter an das unwirklich hysterische Hongkong, das Christopher Doyle in Wong Kar-Wais Filmen schuf. Aber auch Fruit Chans Held Moon ist ein verlassener Teenager, der Handlangerdienste für die Triaden verrichtet. Auch Moon streift mit seinem Freund, dem leicht retardierten Sylvester, und dem nierenkranken Mädchen Ping durch die Straßen, auch sie treffen immer wieder auf ähnlich streunende, "feindliche" Gangs oder Einzelkämpfer, vor denen sie auf der Hut sein müssen. Wie ein Leitmotiv taucht wiederholt die Figur der Selbstmörderin Susan auf, die sich, zwei Briefe in der Faust, vom Hochhaus stürzte. Moon ist im Besitz dieser Briefe.

Als sei sie die Modestrecke in einer Hochglanzzeitschrift fotografiert, wirkt hier Hongkongs Skyline. Monochrom und asymmetrisch ins Bild ragend, weiße Quader gegen hellblau-weißen Himmel. Das lässt etwas ahnen von dem hippen, schicken, coolen Hongkong, dessen Mythos, insbesondere vor der Wiedervereinigung mit China, in der westlichen Welt kursierte. Deutlicher als "Spacked Out" zeigt "Made in Hongkong" jedoch auch die drangvolle Enge in den Wohnblocks, die Rückseiten der Glitzerfassaden, die Vorstädte der Metropole und die Ungerührtheit, mit der die jugendlichen Helden gewalttätig werden, während rundherum Passanten ihren Tagesgeschäften nachgehen. Als Moon angeschossen wird und bewusstlos im Krankenhaus liegt, kommen seine besten Freunde Sylvester und Ping ums Leben. Und Moon selbst, schwankend zwischen Größenwahn und Verängstigung, findet bei der neuen Frau seines Vaters und deren kleiner Tochter vorübergehend eine Ersatzfamilie.

Sowohl in "Spacked Out" als auch in "Made in Hongkong" gibt es eine Friedhofsszene: Die Weite des terrassenförmig angelegten Geländes, das saftige Grün der Bepflanzung und die unbeschränkte Sicht versetzen die Teenager vorübergehend in Euphorie. Wenn man genau hinsieht, stellt man jedoch fest, dass auf dem Friedhof die gleiche Enge herrscht wie in der Stadt: Dicht an dicht stehen die Grabsteine, die man mit zusammengekniffenen Augen als Ansammlung von Wolkenkratzern en miniature sehen kann. Und man ahnt: Wer Weite will, muss raus aus Hongkong.

Die Familie und deren Abwesenheit ist auch das Thema von "Where a Good Man Goes", den Johnny To in der ehemaligen portugiesischen Kronkolonie Macao, einem berüchtigten Spielerparadies, inszeniert hat. Macao wurde im Dezember letzten Jahres an China zurückgegeben. In dem kurz davor entstandenen Film ist Portugal überall präsent: in der morbiden, überwältigend schönen Kolonialarchitektur, in den zweisprachigen Beschriftungen und im gemächlicheren Tempo. Johnny To, einer der derzeit produktivsten Hongkong-Regisseure, erzählt die tragische Geschichte eines entlassenen Gangsters, der eigentlich nur noch seine Ruhe haben will und glaubt, sie bei einer verwitweten Hotel-Besitzerin finden zu können. Ein bisschen wie Robert Mitchum in Josef von Sternbergs "Macao" (1951) irrt jetzt Hongkong-Star Lau Ching-Wan durch dekorativ verrauchte Nachtlokale.

Johnny To beschwört nicht nur Macaos, sondern auch Hongkongs Mythen der Vergangenheit, und er stellt dem realistischen, defätistischen Großstadtkino seiner Kollegen Fruit Chan und Lawrence Ah Mon ein Hongkong-Image zur Seite, das an Stanley Kwans oder John Woos romantischere Sichtweisen erinnert. Das Hongkong-Filmfestival bietet reichlich Gelegenheit, beide Perspektiven miteinander zu vergleichen.

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